Das Volkswerftgelände und ihre Gebäude und der Denkmalschutz? Hier – so scheint es – treffen sich Hund und Katze zu einem gemeinsamen Speed-Dating.
Denn in meinen fast 50 Arbeitsjahren auf der Volkswerft bis Mitte 2019 im IT-Bereich habe ich nie erfahren, dass bei Invest- und Rationalisierungsmaßnahmen die Denkmalpflege eine Rolle gespielt hat. Was auch immer sollte auf einem Betriebsgelände, welches erst nach dem II. Weltkrieg entwickelt wurde, erhalten bleiben? Priorität hatte immer die Weiterentwicklung und Optimierung des Produktionsprozesses.
Eine Bestandsaufnahme der heute noch auf dem ehemaligen Werftgelände existierenden Gebäude ergab, dass noch 5 Gebäude existieren.
Das markanteste davon, fast schon mit einer gewissen Symbolkraft behaftet, ist sicherlich das Werfthochhaus (H700).
Einzig ein Kaikran, welcher noch an der Nordecke der Kaianlage steht, könnte mal, wenn alle Beteiligten die für eine Restaurierung notwendigen Ressourcen aufbringen können, als denkmalgeschütztes Anlagegut der Volkswerft, Eingang in die Denkmalliste der Hansestadt-Stralsund finden.

Vielleicht kann er bei einer Umsetzung in den Stadthafen später mal Zeugnis von den auf der Volkswerft Stralsund erbrachten Leistungen sein.
Das Werfthochhaus – Projekt FOZ (Forschungs- und Organisationszentrum)
Da für viele Betrachter der Werftsilhouette, neben der großen Schiffbauhalle, das zwischen 1972 und 1975 durch das hier ansässige Industrie- und Baukombinat Rostock, Betriebsteil Stralsund (IBK) errichtete Werfthochhaus ein besonderer Blickfang ist, möchte ich dieses Gebäude mit diesem Beitrag wieder etwas in Erinnerung bringen.
Die Planungen hierfür begannen bereits Ende der 1960er Jahre, liegen doch schon Zeichnungen eines polnischen Ingenieurbüros über die Stahlkonstruktion aus dem Jahr 1969 vor.
Bei 11 Geschossen mit einer Höhe von je 3,6 m zzgl. des Gebäudekernes von ca. 3,7 m ergab sich eine Gesamthöhe von ca. 43 m ohne Würfel mit dem Werftlogo. Die Gesamtfläche wird mit ca. 10000 qm angegeben.

Das Stahlskelett, um das die Etagen herum gebaut wurden, sollte in allen Etagen, so kann man den Zeichnungen von 1971 entnehmen, mit Gips-Hüttenbims-Fertigteilen in U-Form ummantelt werden. Diese Stahlkonstruktion trägt das Hochhaus bis in die heutige Zeit. Die Bauarbeiten haben ca. 2 Jahre aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen geruht.
Nach den, dem Autor zugänglichen Dokumenten, steht dieses auf einer 2,15 m starken Betonplatte. Für Rammarbeiten konnten keine belastbaren Informationen gefunden werden.
Die Fassade ist mit Alu-Color-Lamellen in einem weißen Farbton verkleidet worden.
Neben dem Paternoster im Zwischenbau, früher gerne auch als Filmmotiv genutzt, sind im Gebäudekern des Hochhauses 3 Personenaufzüge installiert worden.

Nicht zu übersehen ist auch der Zwischenbau mit seinen Abmaßen von 7 m in der Breite x 45 M Höhe.
Dieser Zwischenbau war in erster Linie der Sicherheit geschuldet, sollte er im Notfall doch als Fluchtweg benutzt werden.
Im täglichen Werftbetrieb wurde er von allen Beschäftigten als Verbindungsweg zu anderen Abteilungen benutzt.
In den unteren 4 Etagen gab es vom Zwischenbau einen Übergang zum 4-stöckigen Anbau.
In der Bauphase des Hochhauses und anderer Gebäude und Anlagen der Werft war der Anbau in diesen Jahren Bauarbeiterunterkunft.
So wie das Hochhaus selbst für alle sichtbar ist, ist es auch der am 2. Juni 1974 auf dem Dach mit Hilfe eines Hubschraubers der INTERFLUG montierte Würfel mit dem Werftlogo, einer Kogge.
In der Betriebszeitung „Unsere Werft“ wird erwähnt, dass 3 Hübe notwendig waren, um Grundrahmen, den 5 x 6 Meter großen Würfel mit dem Werftemblem und einem Kleinmaterialcontainer auf das Hochhausdach zu transportieren.
Kollegen der Stadtwirtschaft Rostock trugen seinerzeit Sorge dafür, dass der Würfel nach allen vier Seiten leuchtete.

Der Betriebszeitung 1976/#40 ist auch zu entnehmen, dass im Herbst 1976 schrittweise der Bezug des Hochhauses begann.
Leider konnten keine belastbaren Daten zur Anzahl der im Hochhaus tätigen Mitarbeiter gefunden werden, aber abgeleitet von den zum Zeitpunkt des Bezuges des Hochhauses bekannten Beschäftigtenzahlen aus der Zeitdokumentensammlung des Werftchronisten Karl Kupsch vom Januar 1977 konnten folgende Zahlen entnommen werden:
- 8639 Werktätige insges. davon
- 842 Lehrlinge
- 5201 Produktionsarbeiter
- 2491 Angestellte davon:
- 1895 Frauen
- 2440 Jugendliche
- 1067 Hoch- u. Fachschulkader
Aus diesen Zahlen kann vielleicht der Bedarf für so ein Forschungs- und Organisationszentrum abgeleitet werden.
Vielen Werftangehörigen wird noch in Erinnerung sein, dass über dem Haupteingang über die gesamte Gebäudebreite ein Gemälde aus Emaille installiert war. Daneben am Boden ein Kunstwerk mit 3 Wellenelementen aus Beton.
Der Künstler Lutz Rudolph schuf diese Werke 1973.

Dem aufmerksamen Leser wird es vielleicht nicht entgangen sein, dass zwischen Fertigstellung dieser Kunstwerke und der späteren Montage einige Jahre vergangen sind. Ein genauer Montagetermin ist nicht feststellbar gewesen. Auch ob die Kunstwerke in diesen Jahren auf der Werft zwischengelagert waren oder ob sie solange beim Künstler verblieben, ist nicht bekannt. Auf einem Titelfoto der Fachzeitschrift SEEEWIRTSCHAFT, Nr. 6/88 ist die Emaillekunst noch nicht erkennbar.
Zwischen 1995 und 1997 wurde es im Hochhaus zunehmend ruhiger, zogen doch so nach und nach viele Abteilungen in neue Räume im neuen Verwaltungsgebäude H340, direkt an der Seeseite der großen Schiffbauhalle H290.

Im November 1999 wurde dem Autor erstmals bekannt, dass die Werft den Abriss des Hochhauses in Erwägung zieht. Wie wir heute sehen, war es wohl nur ein Planspiel.
In 2009 begannen die Planungen für eine Sanierung des Hochhauses für das Finanzamt als Mieter in den Etagen 1-7. Die Etagen 8-11 wollte die Werft selber nutzen, es gab auch das Gerücht, dass hier ein Hotel entstehen sollte.
Nachdem nahezu alle technischen Fragen mit dem zukünftigen Mieter geklärt waren, scheiterte das Vorhaben letztendlich an marginalen Unterschieden beim Mietpreis.
2014 sprach B. Fischer in einem OZ-Artikel schon vom „vergessen Wahrzeichen“. Und meinte das Werfthochhaus.
In diesem Artikel ging es um den Verkauf des Hochhauses durch den Insolvenzverwalter nach der P-S-Pleite. Bei einem Mindestgebot von 19 T€, bekam ein Dresdner den Zuschlag für 127 T€. Doch Pläne zur Nutzung des Hochhauses gab es keine.
Zwischen 2014 und dem in 2023 erfolgten Kauf des Gebäudes durch die Hansestadt Stralsund diente das Hochhaus gelegentlich anderen Zwecken, so war es mal Filmkulisse und Übungsplatz für die Landespolizei. So wurde u. a. die Stahltür unseres ehemaligen Rechenzentrums sauber aus dem Schloss gesprengt. Persönlich war ich, als ich das sah, sehr von der Präzision dieser Aktion beeindruckt.

Aber wie schon nach dem ersten Käufer nannte auch der zweite Käufer bisher keine Nutzungskonzepte. Das muss nicht heißen, dass es keine gibt, sie wurden bisher nur nicht öffentlich gemacht.
Sicherlich hat die Hansestadt noch andere Baustellen, aber das Hochhaus ist eben ein markanter Punkt im Stadtbild und so wird die Frage nach einer Nutzung immer wieder Thema sein.







Norbert Kinzel in G&T #95
