Zwischen Agonie und Aufbruch

Die Stralsunder Lokschuppen im Wandel ihrer Äußerlichkeit und der Zeit

Die verbliebenen Bauwerke und Anlagen des ehemaligen Bahnbetriebswerkes (Bw) Stralsund, rechtsseits gelegen an den nach Süden führenden Ausfahrtgleisen, lassen kaum eine Vorstellung zu, wie viele Eisenbahner und Mitarbeiter des Bw dort mit Tatkraft und Fleiß arbeiteten, welch vielfältige verkehrstechnische Anlagen und Maschinen im Betrieb waren und welche verkehrshistorisch bedeutsame Rolle die Eisenbahn in und für Stralsund einst gespielt hat.

Der Anschluss Stralsunds an das Gleisnetz und die damit entstandene Verbindung mit den umliegenden und relevanten Städten Norddeutschlands datiert bereits ins 19. Jahrhundert zurück – 1863 Anschluss via Angermünde und 1878 via Neubrandenburg nach Berlin, bis 1888 via Velgast nach Ribnitz und Rostock, ab 1883 mit der bahntechnischen Erschließung der Insel Rügen dann auch nach Skandinavien per Fähre.

Stralsund stand somit in den folgenden Jahrzehnten zunehmend über viele Relationen mit den größeren und bedeutenden Städten über den Nah- und Fernverkehr in Verbindung, was sich in der zunehmenden Anzahl an Zugumläufen im Personenverkehr und Leistungen im Gütertransport widerspiegelte. Damit verbunden war die Zunahme von Lokomotiven und Waggons, die angeschafft, bedient und unterhalten werden mussten. Das Bahnbetriebswerk Stralsund als zentrale Anlaufstelle und Ort zur Koordination der Zugbewegungen, aber auch der Restauration, Unterhaltung, Reparatur und Abstellmöglichkeit, v. a. für die Lokomotiven, expandierte daher in Form einer zunehmenden Anzahl an Gebäuden und Mitarbeitern in den folgenden Jahren und Jahrzehnten.

Ostfassade Lokschuppen 1

Der Lokschuppen 1, am nördlichsten gelegen, wurde 1879 gebaut und umfasste damals einen 4-ständigen Lokschuppen mit Drehscheibe, der später erweitert wurde auf 15 Stände – also 15 nebeneinander angeordnete Abstellplätze für Lokomotiven in einer großen Halle. Mit der rasanten Entwicklung des Eisenbahnverkehrs steigerte sich der Bedarf an weiteren Anlagen, und so wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Lokschuppen 2 mit insgesamt 18 Ständen gebaut. Zwischen 1917 und 1921 folgte dann Lokschuppen 3 mit 12 Ständen und der folglich dritten Drehscheibe. Die Drehscheibe ermöglicht nicht nur die Zufahrt zu den einzelnen Ständen, sondern auch das Wenden der Lokomotiven (Rückwärtsfahrten war für Dampfloks in der Regel nur mit der Höchstgeschwindigkeit 50 km/h erlaubt). Mithin vergrößerten sich die Bekohlungsanlagen (Hochbunkeranlage) und ab 1965 wurde eine Öltankstelle für die ölgefeuerten Dampfloks errichtet. Die Belegschaft umfasste zu DDR-Zeiten bis zu 2000 Mitarbeiter und auszubildende Lehrlinge.

Speiseraum Anbau Lokschuppen 3

Mit der politischen und damit auch wirtschaftlichen Wende 1989 veränderte sich das Wesen und die Betriebsamkeit im Bw grundsätzlich. Der Eisenbahnverkehr mit seinen Transportaufgaben verlor sehr schnell an Bedeutung und somit auch an Umfang. Ab 1994 wurde der Lokschuppen 1 nur noch als Abstellraum für Schadlokomotiven benutzt. Mit der Übernahme der Eisenbahn-Anlagen, -maschinen und des gesamten Personalstammes durch die DB AG war die tiefgreifende Umstrukturierung und Anpassung an die neu definierten Bedürfnisse und das ökonomische Diktat unumgänglich. In der Konsequenz aller diesbezüglichen Entscheidungen wurde das Bw Stralsund im Jahr 2001 endgültig geschlossen. Seit der vollzogenen Stilllegung liegen die Flächen, Anlagen und Immobilien brach. Natürliche, wie anthropogen-destruktive Einflüsse ließen die Bausubstanz in den folgenden Jahren merklich erodieren. Mit dem drastischen Wandel der äußerlichen Gestalt wird die unschätzbare Bedeutung des Bw Stralsund für die Stadt- und für die Verkehrsentwicklung und -geschichte im Norden bis heute zunehmend verschleiert, unkenntlich gemacht und damit nicht mehr ausreichend gewürdigt oder wenigstens in angemessener Form an sie erinnert.

ehemaliges Stellwerk

(Erst) Im Jahr 2021 gelang es der Stadt Stralsund in Form der Liegenschafts- und Entwicklungsgesellschaft (LEG) das Areal von der DB AG, die von Anbeginn weder an dem Erhalt der Anlagen, noch an der Historie Interesse zeigte, zu übernehmen.

Die verwendeten Backsteine wurden überwiegend in der bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Devin ansässigen Ziegelei Otto Hossfeld gefertigt und waren somit in ausreichender Anzahl verfügbar. Die Ziegelsteine sind in vielen Gebäuden in und um Stralsund verbaut und markieren daher einen wichtigen Anteil der baulichen Entwicklung der Stadt im Industrie-, Wohnungs- und Zweckbau.

Otto Hossfeld Ziegel aus Devin bei Stralsund

Der Vorteil der Ziegelsteine liegt in seinen hervorragenden Eigenschaften begründet: sie sind hart, druckfest und langlebig. Selbst tragende Außenwände und Pfeiler wurden aus Ziegeln in Massivbauweise angelegt. Unter Normalbedingungen können sie Wärme speichern und langsam abgeben. Durch ihre Diffusionsoffenheit kann auch Feuchtigkeit aufgenommen und abgegeben und so das Raumklima günstig beeinflusst werden. Sie sind überdies nicht brennbar und besitzen einen hohen Feuerwiderstand, was bedeutet, dass im Falle eines Brandes inner- oder außerhalb eines Bauwerkes, die Tragfähigkeit auch bei hohen Temperaturen lange erhalten bleibt.

Die Lokschuppen 1 und 2 sind als Funktionsbauten im Stil der damals zeitgenössischen Industriearchitektur errichtet worden und hatten primär funktionellen Ansprüchen zu genügen, sprich dem Ab- und Unterstellen von Lokomotiven, sowie deren Pflege, Restauration und Reparatur. Die Lokschuppen sind als sog. Ringlokschuppen angelegt, d. h. die einzelnen Stände, also Lokomotiv-Stellplätze in der Lokhalle, sind radial nebeneinander angeordnet und können durch die vor den Einfahrten gelegene Drehscheibe zugänglich gemacht werden. Eine Vielzahl von Lokomotiven und Maschinen können so untergestellt und betreut werden. Durch den ringförmigen Bau ist eine maximale Ausnutzung des vorhandenen Raumes möglich. Die Dachkonstruktionen bestehen aus Stahl und Holzbindern in Form von Dreiecksverbänden mit großen Spannweiten, die eine große Lokhalle darunter überspannen, um ausreichend Platz für die großen Lokomotiven und den daran zu tätigen Arbeiten zu bieten, ohne dass allzu viele Zwischenträger den Raum einengen. Die hohen Innenräume mit der sichtbaren Dachkonstruktion werden durch das, durch die Bogen- und Torfenster einfallende, natürliche Tageslicht erhellt und durch Deckenleuchten ergänzt. Dies verleiht dem weit ausladenden und hohen Innenraum der Lokschuppen damit eine fast gewissermaßen monumentale und atmosphärische Wirkung. Auch wenn die Funktionalität das Primat bei der Errichtung der Lokschuppen hatte („Form folgt Funktion“), waren trotz dessen einige sehenswerte, gestalterische Elemente verbaut worden. Die Eisentore an den Einfahrten der einzelnen Stände sind mit jeweiligen Fenstereinlassungen versehen. Die seriellen Rundbogenfenster oder die sehr großen Rechteckfenster auf der Lokschuppen-Rückseite sorgten für Lichteinlass in die Lokschuppen und formten damit gleichzeitig ein ästhetisch durchaus ansprechendes Gebäude im Stil der Industriearchitektur aus, trotz aller Sachlichkeit, Massivität und der klaren Proportionen. Rollschichten und Gesimse sorgen für Auflockerung und Abwechslung an den sonst großflächigen Außenfassaden.

Zurück zur Gegenwart: Die Dachkonstruktionen der Lokschuppen 1 und 2 sind infolge des ungehinderten Angriffes sämtlicher Wettereinflüsse marode, schadhaft und stellenweise eingestürzt. Damit liegt auch deren Mauerwerk nunmehr vielerorts im Einfluss von Wind, Wetter und damit zwangsläufig von Feuchtigkeit. Der Verfall und das Nachlassen der Stabilität bis zur Einsturzgefahr wird dadurch beschleunigt. Die bereits vor Jahren vollzogene Aufnahme der Gebäude in die Liste der Baudenkmäler bzw. des Denkmalschutzes ist allenfalls eine moralische Beistandsbekundung. Effektiver wären aktive Schutz- und Sicherungsmaßnahmen, um sämtliche der die Erosion unterhaltenden Schadfaktoren von der noch verbliebenen Bauwerksubstanz fernzuhalten, um eine Restauration und damit den Erhalt der Gebäude und damit wichtiger Zeitzeugen der Stadt- und Verkehrsgeschichte der Stadt Stralsund zu gewährleisten. Diese Maßnahmen sind aber sehr kostenintensiv, die Bereitstellung der finanziellen Mittel entsprechend schwierig. Eine Neunutzung der Lokschuppen wäre aber nur so realistisch und möglich. Ideen dafür gibt es bereits viele. Der Förderverein Lokschuppen e. V. Stralsund (FLokS e. V., www.floks-mv.de) ist seit Jahren bestrebt, Ideengeber und Akteure dafür zu finden. Architektur-Studenten der Hochschule Wismar sowie der Hochschule Konstanz haben daraufhin Projektarbeiten angefertigt, in denen Nutzungskonzepte z. B. mit Grünanlagen, Cafés, Skaterparks, Spielplätzen, Sportanlagen, Ruheräumen, Ausstellungsflächen, Konferenzräumen u. v. m. erarbeitet wurden. Der Verein steht zudem in Verbindung mit der Stadt Stralsund und der LEG. Letztere waren und sind wichtige Partner, um das Ziel – die Erhaltung und Neunutzung der Lokschuppen – doch noch realisieren zu können. Die FLokS-Vereinsmitglieder selbst möchten gern einen Teil des Geländes oder eines Lokschuppens als Ausstellungs- und Museumsfläche nutzen, um die Erinnerung an die wertvolle Eisenbahngeschichte der Stadt Stralsund mit Exponaten wach zu halten und erlebbar zu machen.

Thilo Wagner in G&T #94
Fotos: A.Meyen, H.Werner, T.Wagner, FLOKS e. V.

Langenstraße 29

Vor ziemlich genau 10 Jahren, Ende 2015, wurden die Türen des traditionellen Unternehmens „Möbelhaus A. Thierfeld“ in der Langenstraße 29 endgültig geschlossen. Seitdem stand das Gebäude mehr oder weniger ungenutzt und unbewohnt. Nun finden seit dem letzten Jahr umfangreiche Umbauarbeiten statt.

Im Juli letzten Jahres berichtete bereits die Ostseezeitung über die Bautätigkeiten am Gebäude. Der neue Eigentümer, die BSB Bau Malchin GmbH, baut das Gebäude unter Erhalt der Straßenfassade mit großen Aufwendungen um. Nach Aussage des neuen Eigentümers ermöglichte der vorgefundene Zustand des alten Gebäudes, insbesondere der hofseitigen Anbauten, keine Sanierung im Bestand, sodass hinter der alten Fassade mehr oder weniger ein Neubau entsteht. Die bisher durchgeführten rückwärtigen Teilabbrüche waren sehr zeitaufwendig, da die Baustelle nur von der Straße aus zugänglich ist. Ein großer Kran sowie eine Vollsperrung sind dafür seit ca. eineinhalb Jahren erforderlich. Sicherlich ist diese Situation für einige Anwohner, insbesondere für die direkten Anlieger, einschränkend. Wenn auch die derzeitige Sackgassensituation der vom Neuen Markt führende und durchaus gut befahrenden Altstadtstraße eine willkommene Verkehrsberuhigung für die Anwohner darstellt.

Die Fassade ist für den Erhalt gesichert worden und wird im Bestand saniert. Die alten Schaufenster sind bereits durch neue Fensteröffnungen, angepasst an die Flucht der darüber vorhandenen Fenster in den Obergeschossen, umgebaut worden. Und hinter der Fassade sind beim Vorbeigehen die Rohbauarbeiten zu beobachten, die parallel im Vorder- und Hinterhaus stattfinden. Der alte Schriftzug „Möbelhaus A. Thierfeld“ soll nach der Fertigstellung weiter an der Fassade verbleiben und somit an das ehemalige Traditionsunternehmen erinnern.

Bereits im Jahre 1913 übernahm der Tischler Alfons Thierfeld, Großvater von Karsten Thierfeld dem letzten Inhaber, das Gebäude. Der Staude-Plan von 1647 zeigt im Bereich dieser Häuserzeile noch eine vollständige Bebauung. Im Jahre 1734 wurde das Gebäude hingegen in einer Baulücke errichtet. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis ca. 1900 waren mehrere Bäckereien im Erdgeschoss ansässig. In chronologischer Abfolge waren dies zunächst der Bäcker Peter Vahl, ab 1788 der Bäcker Christian Wilde, ab 1840 der Bäcker Samuel Warnke und ab 1844 übernahm Theodor Adolph Friedrich Danckwardt die Bäckerei. Das erste Schaufenster wurde von der Kaufmannsfamilie Drews im Jahre 1858 eingebaut. Bekannt ist, dass auch der Möbelhändler H. H. Drews hier ansässig war. Mit der Übernahme des Gebäudes durch den Tischler Alfons Thierfeld im Jahre 1913 wurden größere Umbauten vorgenommen, um im Erdgeschoss ein Ladengeschäft für Möbel einrichten zu können. Dabei wurden unter anderem die ehemalige Hauseingangstür sowie die Treppenanlage im Gebäude so an die Seite des Gebäudes umverlegt, dass das Schaufenster vergrößert werden konnte. Mit dem Zukauf der hofseitig anschließenden Frankenstraße 54 im Jahre 1951 konnte der Unternehmenssitz erweitert werden. Seinen Ursprung hatte die Tischlerei jedoch in der Schillstraße 30, wo Alfons Thierfeld im Jahre 1900 mit einer kleinen Tischlerei für Möbelbau seinen ersten Firmensitz (später dann in der Heilgeiststraße 2) hatte.

In den 30er Jahren wurde unter Federführung der beiden Söhne, Werner und Herbert Thierfeld, der Getreidespeicher in der Langenstraße 54 erworben (aktuell befinden sich in diesem Gebäude Räumlichkeiten des Gartenhaus e. V.). Das Gebäude wurde zu einem größeren Möbelhaus umgebaut, sodass in insgesamt fünf Geschossen Möbel ausgestellt und verkauft werden konnten. Die Ummeldung der Gewerbeberechtigung für die neuen Inhaber Werner und Herbert Thierfeld erfolgte ab dem 1. Januar 1937. Nebenbei noch bemerkt, der Möbelhändler Alfons Thierfeld und die Tischlerei Herrmann & Co. aus Stralsund gründeten 1950 gemeinsam die Stralsunder Möbeltischlerei, die ihre Fortsetzung in der „Stralsunder Möbelwerke GmbH“ fand.

Nun dürfen wir gespannt auf eine baldige Fertigstellung und ein weiteres saniertes Gebäude in unserer Altstadt sein.

Kati Rehberg
aus G&T #93

Badenstraße 1-2

Goldschmiede C. Stabenow – 150 Jahre Familienunternehmen in Stralsund

Wir wollen Ihnen heute von einer der ältesten Stralsunder Handwerkerfamilien erzählen. Goldschmiede C. Stabenow. Dabei wollen wir auch die Rolle der starken Frauen herausstellen, denn wenn die Stabenow-Männer ausfielen, sprangen die Ehefrauen in die Bresche!

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“ Natürlich freut man sich über diesen Satz, und doch überlegt man ab einem bestimmten Alter jedes Mal aufs Neue, wie alt man denn nun wird. Besonders wenn einem das tatsächliche Geburtsjahr gar nicht mehr so ganz genau vor Augen ist. Seit 1874 prangt an der Fassade des altehrwürdigen Geschäfts der Goldschmiede C. Stabenow und verleiht damit auch dem Stolz Ausdruck, welchen man bei den Arbeitenden in einem der ältesten und renommiertesten Geschäfte der Stadt Stralsund zweifelsohne verspürt.


Bereits am 23. Oktober 1873 legt der Gründervater der Dynastie, Adolph Stabenow (1839-1887), den Grundstein und veröffentlicht in der Stralsundischen Zeitung sein Inserat, in welchem er die Gründung eines neuen Geschäfts für Gold- und Silberwaren verkündet.

Als Sohn eines Schusters mit überschaubaren Mitteln und von gesundheitlichem Leiden geplagt, eröffnete er das Geschäft. A.Stabenow auf der linken Hausseite der Wasserstraße Nr. 59.

Wasserstr. 59 um 1880

In einem der kleinsten Gebäude am unteren Ende der Stadt und auf wenigen Quadratmetern waren vorerst wenig große Sprünge zu erhoffen.

Sein jäher Tod mit 47 Jahren im Jahre 1887 ließ nun ganz das Ende vermuten. Doch seine Witwe Karoline, die mit drei Kindern zurückgeblieben war, führte das Geschäft weiter bis zu ihrem Tode 1900.
In dieser Zeit war es der junge Carl Stabenow (1876-1955), gerade erst elf Jahre alt, als sein Vater ihm entrissen wurde, der mit 14 Jahren ebenfalls das Handwerk des Goldarbeiters erlernte und nach vier Jahren Ausbildung abschloss.

Für ihn folgten Fortbildungen in Dresden und Stettin, welche mutmaßlich grundlegend sein sollten für das folgende Aufblühen des Geschäfts. Mit dem Tode seiner Mutter übernahm er, unterstützt durch seine beiden älteren Schwestern, die Firma und expandierte das erste Mal von der linken Haushälfte in die rechte. Was zum Schmunzeln anregen mag, ist nicht viel weniger als das Ergebnis rastloser Arbeit. Von nun an dauerte es keine fünf Jahre und er erwarb 1905 die Geschäftsräume des Goldschmieds R. Sommer in der Heilgeiststraße 75.

Dieses Husarenstück gelang ihm zeitgleich mit der Eröffnung einer Filiale in Putbus, welche R. Sommer bis zu seinem Tod für ihn verwaltete. Von nun an ging es Schlag auf Schlag, denn am 1. März 1908 erwarb er das Haus der Badenstraße 2 und war angekommen, wo er hinwollte – am Rathaus. Vormals beherbergte diese Adresse die Werkstatt des Hoflieferanten und Goldschmiedemeisters H. Ahrens, doch dieser verkaufte drei Jahre zuvor seinen Besitz an einen Lübecker Goldschmied, der aber über der Last der Aufgaben, die ein solches Unternehmen mit sich bringt, zusammenbrach und Konkurs anmelden musste. Dass die vormaligen Besitzer der gekauften Geschäftshäuser dies vornehmlich aus wirtschaftlicher Not taten, darf ein Hinweis auf die in Pommern noch nicht ganz verkraftete Wirtschaftskrise des vorangegangenen Jahrzehnts gewesen sein, welche Carl Stabenow offensichtlich zu meistern wusste.

Unter H. Ahrens Nachfahren Inhaber C. Stabenow wurde das Unternehmen wenige Jahre fortgeführt und bekam schlussendlich den Namen, unter dem es bis heute bekannt ist: Goldschmiede C. Stabenow.

Als Besitzer von drei Filialen legte er von nun an sein Hauptaugenmerk auf die Badenstraße und vergrößerte die Werkstatt, in der im Jahr 1913 immerhin 14 Goldschmiede ihre Arbeit leisteten. Im zweiten Jahr des 1.Weltkrieges musste aber nun auch Carl dem Ruf der Waffen an die Front folgen und leistete von 1915 bis1918 seinen Heeresdienst.

Die Arbeit blieb aber nicht liegen, denn wie in allen Krisenzeiten, die dazu führten, dass die Männer nicht vor Ort waren, waren es die Ehefrauen, die alles gaben, um den Fortbestand des Betriebes zu garantieren. Vom Gründerkrach des späten 19. Jahrhunderts, über die beiden Weltkriege, die Verstaatlichung und bis in unsere Tage selbst gab man sein Bestes, um dem Begriff Familienbetrieb alle Ehre zu erweisen.

Obwohl die Stadtverwaltung die Gold- und Silber-Ankaufstelle zur Unterstützung der kämpfenden Truppe dem Geschäft direkt gegenüber am Rathaus vorsetzte, war es die Ehefrau Carls, Friederike Stabenow, die während Massen von Stralsundern unter der Devise „Gold gab ich für Eisen“, ihre Schmuckstücke abgaben, noch Warenlager insolventer Goldschmieden aus Swinemünde und Bamberg ankaufte und feilbot. Ein reichhaltiges Warenlager zu stets günstigen Preisen war das Versprechen in einer jeden aufgegebenen Zeitungsannonce – diesem auch gerecht zu werden, war das Kunststück.

Bei seiner Heimkehr 1919 haderte Carl Stabenow nicht lang und erwarb sogleich das Geschäft seines ehemaligen Lehrmeisters A. Dettman in der Ossenreyerstraße 47, bei dem er 30 Jahre zuvor seine Ausbildung genossen hatte. Die 20er Jahre gingen mit Inflation und Deflation recht ruhig an den Stabenows vorbei. Die beiden Söhne Gerd (1905-1972) und Werner (1909-1967) begannen nach ihrer Lehrzeit dort ihre Arbeit und sollten die dritte Generation darstellen.

Man verkaufte 1928 die Filialen in Putbus und in der Ossenreyerstraße und erwarb 1930 die Badenstraße 1 hinzu. Die Geschäfte wurden zusammengeschlossen, und man ermöglichte einen großzügigen Ausbau der Verkaufsfläche. Neben den heute noch vorhandenen ausladenden Schrankwänden und Vitrinen ist es im Besonderen die breite Schaufensterfassade, welche den ersten Blickfang der Einkaufsmeile bietet und zum Verweilen einlädt.

Badenstr. 1/2 um 1970

Der Stettiner General-Anzeiger schrieb nach dem Umbau gar vom schönsten und bedeutendsten Geschäft der gesamten Ostseeküste.

Carl Stabenow soll gesagt haben, dass es sein Ziel gewesen sei, dass niemand aus Pommern die Notwendigkeit verspüren müsse, nach Berlin zu fahren, um Schmuck höchster Qualität zu kaufen. Alles, was man an Gold und Silber braucht, von Rügen bis Stettin, soll man in Stralsund bekommen.

Doch diesem Ideal tritt schicksalhaft zunächst das Jahr 1942 durch die Schließung des Verkaufsbetriebes aufgrund von Kriegsmaßnahmen entgegen. Gerd und Werner werden mit weiteren neun Angestellten in den Kriegsdienst eingezogen. Die Werkstatt wird noch gerade so mit zwei Gehilfen am Laufen gehalten. Bis zu jenem Tag, an dem in Stralsund alles Leben für einen Augenblick aussetzt und unter Sirenengeheul und lautem Knall die Gläser der Schaufenster wie Abermillionen Brillantsplitter durch die Luft schossen. Der Bombenabwurf am 6. Oktober 1944 durch die 8. US-Luftflotte trifft Stralsund tief ins Mark, das Quartier 17 wird fast vollkommen zerstört. So ist es fast ein Wunder, dass trotz schwerer Bombenschäden an Fassade und Werkstatt die beiden Gebäude der Badenstraße 1-2 dennoch aus den Trümmern hervorragen.

Mit Beendigung der Kampfhandlungen um die Stadt und dem Einmarsch der Truppen der Roten Armee am 1. Mai 1945 wird das Geschäft und sämtliches

Interieur vom Stadtkommandanten als faschistisches Eigentum beschlagnahmt. Doch auch diese Schreckensjahre halten den stetigen Fluss des Goldes nicht auf. Am 1. Juli 1945 nimmt die Werkstatt im kleinen Kontor wieder die Arbeit auf. Mit einem Gehilfen und einem Lehrling wird auf wenigen Quadratmetern wieder dem Handwerk nachgegangen, und binnen eines Monats werden die restlichen Bombenschäden an der Werkstatt beseitigt, sodass am 1. August bereits sieben Gehilfen und zwei Lehrlinge dort ihre Arbeit versehen.

Viele der dortigen Angestellten waren Geflüchtete aus den Ostgebieten und nur wenige Monate vor Ort, doch leisteten sie ihren wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau des Geschäfts, sodass am 7. Juni 1947 die Wiederinbetriebnahme der Verkaufsräume stattfinden konnte. Die Goldschmiede wurde nun eine offene Handelsgesellschaft (OHG) unter Teilhabe der Familienmitglieder und ab dem Tode Carl Stabenows 1955 von den beiden Söhnen weitergeführt.

Ein Jahr später beginnt Claus Stabenow (*1940) seine Lehre zum Goldschmied und reiht sich mit seinem ihm im Jahr 1961 folgenden Bruder Rainer (*1945) in die vierte Generation dieser Dynastie ein. Nach abgeschlossener Berufsausbildung arbeiten sie im elterlichen Betrieb bis zum Tode ihres Vaters Gerd im Jahr 1972. Der Rat des Kreises erteilt den Brüdern keine Genehmigung zur Weiterführung des Geschäfts und es wird zwangsverstaatlicht. Im hundertsten Jahre des Bestehens des Familienunternehmens müssen Claus und Rainer dieses an die Volkseigene Handelsorganisation angliedern lassen, und die HO-Juwelier und HO-Goldschmiede werden gegründet.

Zur reinen Dienstleistungseinrichtung degradiert, nehmen die Herren in der Goldschmiede diese Schmach mit Fassung und lassen weiterhin die Ergebnisse ihrer Arbeit sprechen. Obwohl sie dem bestehenden Regime ein lästiger Dorn sind, kommt man nicht darum herum, ihre Leistungen wie die schon ihres Vaters und Großvaters mit höchsten Preisen und Ehrungen zu versehen. Allein in dieser Zeit bringen sie 30 Goldschmiede und Meister hervor, von denen heute zwei von ihnen selbst ein Gold- und Silberwarengeschäft in der Hansestadt betreiben. Da sie Silberwaren im Auftrag des Staates nur als reinen Metallwert aufkaufen und vergüten dürfen, wurde manche Silbervase oder -kanne durch Beulen und Zusammenpressen vom Kunstgut zu Altmetall degradiert.

Während 1989 der älteste Sohn von Claus, Carsten Stabenow (*1972), ebenfalls dort seine Lehre beginnt, verändert sich zum vierten Male der Staat um die Goldschmiede herum. Noch bevor im März 1990 das Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens erscheint, stellen die Brüder Stabenow im Januar einen Antrag auf Rückerlangung ihrer Geschäftsräume. Bereits im Oktober konnten nach abgeschlossenen Verträgen mit der Treuhand die Räume wieder ihren Weg zurück in den Schoß der Familie finden und wieder bezogen werden.

17 Jahre Verstaatlichung verewigten sich mit Beraubung des großflächigen Jugendstils und der Art Déco- Einrichtung des Geschäfts und mit dem Schleifen der neogotischen Prunkfassade. Doch was die DDR nicht ganz schaffte, wollte die erste Stadtverwaltung 1991 noch beenden. Während das Geschäft am 20.Oktober 1990 seine feierliche Wiedereröffnung beging (siehe Anzeige 2), verweigerte das Liegenschaftsamt, die Gebäude Badenstraße 1/2 an die Familie zurückzugeben, da man es im Zusammenhang mit dem Quartier 17 als Teil einer notwendigen städtebaulichen Neuordnung sah und an die Stadterneuerungsgesellschaft überführen wollte. Durch einen Widerspruch beim Verwaltungsgericht konnte dieses Unheil abgewendet werden. Nach einer umfangreichen Sanierung unter Leitung des Architekturbüros Klaus Mittelbach und hohen Baukosten wurden am 2. Juli 1999 mit dem vermeintlichen 125. Firmenjubiläum die Geschäftsräume wieder übernommen.

Gleich nach der Wiedereröffnung 1990 war es wie ein sich erfüllendes Versprechen der Geschichte, dass wieder die Frauen der Familie, Angelika und Brigitte Stabenow, zur Stelle waren und die Arbeit im Verkauf übernahmen (Familienfoto). In den folgenden Jahren zeichnete sich die Firma nicht nur durch die Schaffung kostbarer Kleinodien aus, sondern bemüht sich bis heute um die Belebung der Kunst in Stralsund und Umgebung, wenn sie ihren eigens dafür gestalteten Wintergarten und das Kellergewölbe für Kunstausstellungen zur Verfügung stellt.

Während Sohn Carsten sich umorientierte und ein Studium zum Diplom-Grafikdesigner aufnahm, ging die Goldschmiede 2016 in die kaufmännisch geschickten Hände des gelernten Buchhändlers Oliver Stabenow (*1977) über, welcher somit die fünfte Generation des Familienbetriebs mit zurzeit fünf Goldschmieden und vier Angestellten repräsentiert. In welche Zukunft er das Unternehmen führen und diese Familiengeschichte prägen wird, bleibt ungewiss. Die Krisen sind nicht weniger geworden, die Aufgaben erst recht nicht. Allein steht mit Blick auf die Geschichte des Unternehmens fest, dass nichts konstant bleibt, doch der Name bleibt bestehen.

Auch im gesellschaftlichen Bereich haben die Stabenows zahlreiche Spuren in Stralsund hinterlassen:

Carl Stabenow war Mitbegründer des Stralsunder Segelvereins, er war begeisterter Segler und ihm gehörte bis zum Kriegsende das Schiff „Möve 2“, Sohn Werner segelte die „Möve 3“. Sein Bruder Gerd Stabenow war im Ruderclub aktiv und daher stammt die enge Freundschaft mit Berthold Beitz, dem damaligen Krupp-Bevollmächtigten.

Die Söhne von Gerd, Claus und Rainer Stabenow waren Jahrzehnte im Vorstand des Ruderclubs und sind noch heute im Bootshaus anzutreffen.

Während und nach der Wende versuchte Angelika, die Frau von Claus Stabenow, in der „Gruppe der Stralsunder 20“ freie Wahlen vorzubereiten.

Claus Stabenow war schon zu DDR-Zeiten im Gemeindekirchenrat von St. Nicolai und setzte diese Tätigkeit nach der Wiedervereinigung fort. Sohn Oli hat seinen Vater im KGR abgelöst, und wenn im nächsten Jahr bei einer Mittwochsregatta eine Yacht einen Spinnaker mit einem Hiddensee-Goldschmuck-Konterfei auf Kurs ist, so darf man die Stabenows dahinter vermuten.

Rainer Stabenow hat in den 90er Jahren beim Aufbau der Stralsunder Kaufmannschaft mitgewirkt, ist langjähriges Mitglied unseres Vereins und der „Initiative Altstadt Stralsund“.

150 Jahre Goldschmiede C. Stabenow. Anfänglich durch einen Übertragungsfehler der Zeitung auf das Jahr 1872 und später auf 1874 datiert, ist die tatsächliche Gründung durch Auffinden der Gründungsannonce am 23. Oktober 1873 für alle Zeit belegt.

Conrad Busse und Dieter Bartels aus G&T 87

Fa. Koch & Poggendorf

Wenn sich alte Stralsunder an die Zeit vor 1945 und das dammalige Wirtschaftsleben in der Stadt erinnern, wird eines der führenden Unternehmen, die Firma Koch & Poggendorf, geggenwärtig sein. Diese angesehene Firma betrieb einen regen Handel mit Getreide und Saatgut und hatte ihren Sitz auf der Hafeninsel, wo sich der lebhafte Umschlag abspielte.
Zur Geschichte: Aus der Magdeburger Börde stammend zog der Kaufmann Gustav Koch 1883 nach Stralsund, wo er in der Heilgeiststraße eine Seifenfabrik erwarb. In der Badenstraße befand sich im Eigentum des dänischen Konsuls Schmok ein Getreidegeschäft, das nach dessen Tod 1888 von Gustav Koch gekauft wurde. Er gründete dort seine eigene Firma. Mit einem Handwagen und 361 Säcken begann das Geschäft. Das dänische Konsulat wurde an Koch übertragen. 1893 kaufte er das Bürohaus Fährstraße 20 und den Hausspeicher Fährwallstraße. Nach dem 1 . Weltkrieg erkrankte Gustav Koch, er starb 1923. Der Betrieb wurde von seinem Sohn Friedrich Wilhelm und dem Mitinhaber Fritz Schlamm weitergeführt. 1924 gründeten beide mit den 3 Brüdern Rudolf, Hans und Gerhard Poggendorf die gemeinsame Firma.
Das aufblühende Unternehmen benötigte bald mehr Lagerkapazität und erwarb 1926 den von der Firma Teichen erbauten Türmchenspeicher in Hafenstr. 8. Ein trauriges Ereignis geschah 1928, Rudolf verunglückte tödlich beim Segeln. Die Umsatzsteigerung brachte auch eine Vergrößerung des Fuhrparks mit sich. Angefangen mit dem 1. Handwagen kamen Lohnfuhrwerke dazu. Dann wurden einige Rollwagen und bis zu 6 Pferde eingesetzt. Die noch ungefederten Wagen rumpelten mit einer Last bis zu 80 Ztr. durch die Straßen. Später folgten Motorfahrzeuge und LKW mit Zugmaschinen.

Entladearbeiten der Fa Koch & Poggendorf

Mit dem 2. Weltkrieg entstanden wie überall Probleme, z.B. durch Einzug der Fahrzeuge für den Heeresdienst. Am 6. Okt. 1944 traf der Bombenhagel die Firma hart. Das Bürohaus in der Fährstraße war ein Trümmerhaufen, der Hausspeicher teilweise zerstört. Alle Mitarbeiter hatten überlebt, da sie sich in einen Speicher zurückgezogen hatten. Mit dem Kriegsende 1945 änderte sich für das Unternehmen zunächst wenig. Dann aber durfte ab 1950 kein Handel mehr getrieben werden. Silos, Maschinen und das Tanklager wurden an die VEABverpachtet. Eine verbliebene Bürokraft, Frau Schmidt, wickelte die Geschäfte unter großen Schwierigkeiten in materieller und finanzieller Hinsicht ab. Nach ihrem Eintritt ins Rentenalter schlossen sich die
Türen 1988 von Koch & Poggendorl für immer. 2002 wurde die Firma endgültig liquidiert.

Ingrid Wähler aus G&T #62

Kaufhaus Zeeck

Bei Mode und Qualität – immer erst zu Zeeck

Zu den ehemaligen traditionsreichen Stralsunder Warenhäusern gehört auch das Kaufhaus Zeeck, das in der Berichterstattung allerdings stets etwas im Schatten von Wertheim und Tietz steht. Es sei deshalb an dieser Stelle daran erinnert.
1884 eröffnete der 24jährige aus Garz auf Rügen stammende Eduard Zeeck einen Wäscheladen in der Wasserstraße 19.

Anzeige zur Firmenübernahme durch Eduard Zeeck

Aufgrund seiner Geschäftsphilosophie entwickelte sich der Laden zunächst zu einem Handelshaus und dann zu einem gefragten Modehaus. 1890 wird das große Modekaufhaus errichtet; es wird zweimal erweitert auf die Grundstücke 18 bis 22.

Werbeanzeige

Die Wasserstraße war bis zum 2.Weltkrieg neben der Ossenreyerstraße eine lebhafte Einkaufsmeile.
Ein zweites Kaufhaus wird dann in Dessau eröffnet. Auch die Brüder von Eduard Zeeck gründen eigenständig Häuser in mehreren Städten, z.B. in Kolberg, Rostock und in Lauenburg.
Nach dem Tode von Eduard Zeeck am 1921 übernimmt sein Neffe Richard Seitz als Gesellschafter das Geschäft.
Nach einigen Umbauten präsentiert sich das Gebäude im Stil imposanter Bürgerhäuser. Die Innenausstattung ist luxuriös und elegant. Ein großes Glasdach bringt Licht in die Verkaufsebenen. Ein gläserner Fahrstuhl befördert die Kunden und gibt den Blick frei in alle Etagen. 350 bis 400 Angstellte sorgen für zufriedene Kunden.

Ansicht Kaufhaus Zeeck nach letztem Umbau 1928


Es gab u.a. einen Erfrischungsraum, eine Schneiderei und eine Polsterwerkstatt. Ein Lieferservice – 4 Hausdiener in Livree – erledigte den Transport des Einkaufs zu den Kunden nach Hause. Außendienstmitarbeiter versorgten die Kunden auf Rügen. Das Unternehmen sorgte sozial für seine Angestellten; so wurde beispielsweise ein Unterstützungsfond für Unglücksfälle eingerichtet. 1909 fand aus Anlass des 25jährigen Betriebsjubiläums ein Festessen für alle Mitarbeiter statt, und jeder Mitarbeiter erhielt ein Sparbuch mit einer Einlage.
Der Bombenangriff vom 6. Oktober 1944 bedeutete für das Modehaus Zeeck ein tragisches Ende: es wurde völig zerstört.

im Bombenangriff 1944 zerstörtes Kaufhaus Zeeck

Ein Neuanfang gelang nach dem Krieg in den Räumen der Firma Thierfeld in der
Langenstraße 54. Unter großen Schwierigkeiten beschafften Richard Seitz und sein Neffe Friedrich Waren für die Stralsunder Bevölkerung.
Friedrich reiste mit seinem Privat-PKW zu den Firmen zum Einkauf. Später mietete er einen Eisenbahnwaggon und fuhr in Begleitung eines Polizisten wochenlang die
Textilfirmen in Deutschland ab.
Laut Verfügung vom Wirtschaftsamt wurde Seitz zur Verteilung der Textilien an alle Stralsunder Bekleidungsgeschäfte verpflichtet. Die üblichen Repressalien, denen private Geschäfte ausgesetzt waren, führten dazu, dass Friedrich Seitz Stralsund verließ. Zuvor heiratete er die Tochter des Apothekers Bernick aus der Bärenapotheke. Richard Seitz wurde sogar in Haft genommen. Er verstarb 1950.

Grabstein von Richard Seitz auf dem St. Jürgen Friedhof

Damit endete die Ära Zeeck in Stralsund. Zu DDR-Zeiten wurde das Gebäude wieder aufgebaut und beherbergte das Wehrkreiskommando. Nach 1990 wurde das Haus aufwändig saniert. Gewerbe, Wohnungen und gastronomische Einrichtungen befinden sich heute darin.

Ingrid Wähler in G&T#61

Badenstraße 15

Wohl allen Stralsundern ist das Mackenthun-Haus in der Badenstr. 15 mit seiner herrlichen Fassade und dem Wappen über der Eingangstür ein Begriff. Das Gebäude hat eine interessante Bau- und Firmengeschichte. Philipp Ernst Mackenthun gründete 1814 dort seine Tischlerei und Glaserei. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Gustav den Betrieb und kaufte das Haus 1855.
Mit ihrer Produktion von Möbein und Spiegeln wurde die Firma über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Der gute Ruf erreichte das preußische Königshaus,
und Gustav Mackenthun wurde Hoflieferant. Auf Grund dieser Funktion wurde ihm das Preußenwappen als Auszeichnung verliehen. Diese Ehrung verdienstvoller Handwerker durch das Herrscherhaus war im 19. Jh. üblich. Die stolzen Empfänger schmückten damit ihre Häuser und nutzten es als Werbung. Die Entstehung des preußischen Wappens geht ursprünglich auf den Reichsadler des Heiligen Römischen Reiches zurück. Der Hochmeister des Deutschen Ordens führte ihn, der Adler war Hoheitszeichen des Deutschordensstaates. Er wurde Staatssymbol Preußens und hat sich mit vielen Umgestaltungen bis heute als Bundesadler erhalten. Im Mittelteil des Wappens sind die Wappen der zu Preußen gehörenden deutschen Fürstentümer dargestellt. Das preußische Känigreich umfasste bekanntlich große Bereiche zwischen Hessen, Sachsen und Mecklenburg, zwischen
Westfalen und Ostpreußen. In dem Wappen wird das durch 48 kleine Darstellungen deutlich gemacht. Die größeren Wappen sind die Wappen von Preußen als Gesamtstaat und von den Fürstentümern Brandenburg, Nürnberg und Hohenzollern. Den Rahmen bilden zwei ”wilde Männer“, die mit ihrer optisch sichtbaren Kraft die Stärke des Preußischen Königshauses symbolisieren sollen. Kunstgeschichtlich ist der Stil des Wappens in die Zeit des Biedermeiers
einzuordnen. In der politisch und wirtschaftlich bewegtenGeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wechselte das Mackenthun-Haus mehrfach den Besitzer. Bei dem Bombenangriff am 6. Okt. 1944 und durch spätere unzureichende Erhaltungsmaßnahmen wurde das Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen. Durch Mittel der Städtebaufärderung, der Stiftung Denkmalschutz, durch Eigenmittel des Eigentümers und Hilfe des Bürgerkomitees ”Rettet die Altstadt Stralsund“ eV. konnte das Haus nach der Wende saniert und damit vor dem Verfall gerettet werden.

Ingrid Wähler in G&T #54

Das Kaufhaus Philipp Weyergang Sohn

Das Jahr 2006 war das 190. Gründungsjahr der Firma: PHILIPP WEVERGANG SOHN, einem Laden mit Eisen- und Kurzwaren, der zum ersten Stralsunder Kaufhaus wurde. In der Wasserstraße 71/72 hat sich die Kaufmannsfamilie Weyergang ein Denkmal geschaffen, das das Straßenbild prägt. Friedrich Wilhelm Albert, der Sohn des Geschäftsgründers, ließ 1867 ein mit zwei Flügeln am Wallgang (seit 1869 Am Fischmarkt) grenzendes Geschäftshaus in erwelterter Formensprache zu den im Umfeld vorhandenen kleineren Häusern errichten. Es war höher, hatte eine andere Dachform, und die breiten Schaufensteröffnungen in der Wasserstraße ermöglichten es, dem Publikum schon auf der Straße das vorzustellen, was im Inneren zu haben war. Am Wallgang überraschte den Betrachter die Wirkung, die von der Schönheit des Barock-übergiebelten Südflügels und vom Nordflügel mit seinem Erker und einer Putte (nackter kleiner Knabe) mit Merkurstab ausging. In Altstralsund finden wir diesen von einer Putte gehaltenen Merkurstab nur an zwei Fassaden, hier und am Haus Badenstraße 7. Als wieder ein Neubau nötig war, lässt Philipps Enkel, Albert Gustay, im Jahre 1898 von der Baufirma Th.Teichen/E.Dalmer auf dem Nebengrundstück ein bis zur Straße Am Fischmarkt reichendes Haus mit einer gut durchdachten Fassadengliederung errichten. Zaghaft war dieser Kaufmann nicht, und wir sehen, dass sich das auch baukünstlerisch beim eleganten Verbinden beider Baukörper zum ersten Stralsunder Kaufhaus ausdrückte. Die Fassade wird im Erdgeschoss von einer teilweise verkleideten modernen Stahlkonstruktion getragen. Die Schaufenster beider Häuser wurden mit den gleichen Metallprofilen gestaltet, und auch das erste Obergeschoss bekam einen attraktiven Schaufensterbereich. Besonders aufwändigen Schmuck erhielten die Obergeschosse mit den Stuckrosetten, auf denen der Betrachter die PWS-Monogramme, das Gründungsjahr 1816 und das auf Philipp gemünzte Wort ”Begnadet“ enträtselt. Zusammen mit dem
über den Schaufenstern direkt auf den Putz geschriebenen Firmennamen ergab sich für die Straßenfassade eine Firmenwerbung, die sich dem Baukörper harmonisch unterordnete. An der Giebelseite hingegen wurde tief in die Werbekiste gegriffen und über zwei Etagen in großen Werbelettern über einem aufgemalten Kinderwagen das Warenangebot propagiert. Auf diese Weise versuchte man, die tote Brandwand zu kaschieren und gleichzeitig maximalen Werbeeffekt zu erreichen. Bei diesem Haus rechnete das 2. Obergeschoss noch mit der Wirkung des braunen Backsteins. Auch am Giebel, einem spitzen Türmchen und an der Fassade Am Fischmarkt hatte sich der Architekt viel Mühe mit der Veredelung des Ziegelsteins gegeben.
Alle fünf Abschnitte der Fassaden, zwei in der Wasserstraße und drei Am Fischmarkt, in unterschiedlichen Architektursprachen, waren von hohem Werbewert und für die ganze Geschäftswelt bahnbrechend. Sie bildeten eine Sammlung interessanter Einzelbaukunstwerke im Gesamtbild der Altstadt.
Der Krieg, die Nachkriegszeit und nicht zuletzt das Fehlen eines Nachfolgers haben zum Niedergang dieses einst angesehenen Hauses geführt. Die Faszination Kaufhaus war Ende 1952 für immer vorbei. Die Wertesignale dieser Straße; die bis zum 2. Weltkrieg eine lebhaft genutzte Geschäftsstraße mit Gewerbe war, haben sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Abgesehen von Verkehrsgeräuschen wurde
sie immer ruhiger. Durch den Leerstand nach 1996 und nur notdürftig durchgeführten Reparaturen am Dach kam es zu enormen Bauschäden und zu einem tragischen Unfall durch herabstürzendes Mauerwerk.

Wasserstr. 71 Zustand im Jahr 2000

Um die Häuser zu retten und einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, wurden sie nach dem Herbst 1989 von der Treuhand zunächst Familienmitgliedern zum Rückkauf angeboten. Dem mutigen Bauunternehmer Willi Pekran ist für die Rettung dieses einzigartigen Denkmals zu danken. Im Jahr 2000 erwarb er das Grundstück und sanierte es derart, dass Raum für 25 Wohnungen, den,SpielsaIon Phönix‘ und die Gaststätte ’Seewolf‘ geschaffen wurde. Er erweiterte den Häuserkomplex durch einen Neubau. Die Fassaden am Vordergebäude des Kaufhauses erhielten ihre ursprünglichen Formen und Farben bis auf die Schaukästen, die in früheren Zeiten mit Auslagen lockten. An
ihrer Stelle blieben Lücken in den Pfeilern. Sie hätten verkleidet schöner ausgesehen. Das Mansardendach erhielt Gauben an den Stellen, wo es bis zum Sanierungsbeginn nur Dachpfannen aus Glas gab. Wer das Haus noch aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in seiner Erinnerung hat, weiß, dass es hier einmal
Walmgauben mit Hauben gab, die jeweils von einer Kugel gekrönt wurden. Die sichtbarste Veränderung erfolgte an der mittleren Fassade Am Fischmarkt. Wo ehemals ein durch eine Bornbe zerstörter barocker Giebel war, ist jetzt eine Loggia und gleich dahinter wurde ein für dieses mehrgeschossige Haus notwendiger Fahrstuhlschacht gemauert. Zum Glück behielten beide nachbarlichen Fassaden ihre reiche Gestaltung aus der Gründerzeit.

Willi Frankenstein in G&T#36