Führung „Koggensiegelhäuser“ Mai 26

Hinter vielen Fassaden verbergen sich Geschichten und Informationen, die man auf den ersten Blick nicht wahrnimmt oder erahnen kann. Aus diesem Grund organisierte das Bürgerkomitee am 9. Mai dieses Jahres eine gemeinsame Begehung für Mitglieder und alle interessierten Bürger. Bei bestem Wetter führte uns Dagmar Fromme am 9. Mai zu ausgewählten Häusern, die bereits mit dem Koggensiegel des Bürgerkomitees gewürdigt wurden. Zu Beginn stimmte sie uns nochmals auf die Einmaligkeit unserer Stralsunder Altstadt als städtebauliches Denkmal ein, welches sich aus den vielen Einzeldenkmälern, den sowohl durchschnittlichen und den besonderen Denkmälern, zusammensetzt. Die Bedeutung der Bewahrung und des Erhalts der noch vorhandenen historischen Gebäude wurde durch die bereits erfolgten Zerstörungen und Abrisse in den zurückliegenden Zeiten noch einmal mehr verdeutlicht. So wurden durch einen Bombenangriff im 2. Weltkrieg ca. 365 Gebäude in der Altstadt zerstört, zwischen 1945 und 1989 verschwanden sogar ca. 570 Häuser von der Bildfläche. Auch heute gilt es noch, historisch Bauten sowohl vor vorsätzlichen Zerstörungen als auch vor verfehlter Baupolitik zu bewahren.

im Hof der Frankenstr

Der erste Anlaufpunkt war das Gebäudeensemble in der Frankenstraße 29 bis 33. Hier begrüßte uns Dr. Arnold von Bosse und führte uns in den idyllischen Innenhof, durch die Treppenhäuser und die beeindruckenden Kellerräume der Gebäude. Wir erfuhren viele Fakten zu Planungsabläufen, zur Finanzierung sowie zum Genossenschaftsmodell – Genossenschaft „Frankenstraße“. Insbesondere die Finanzierung und die Förderanträge stellten für die damaligen Genossenschaft einen großen bürokratischen Kraftakt dar. Bei Gesamtkosten von damals ca. 4 Mio. Euro wurde das Vorhaben mit 50% durch Städtebaufördermittel getragen. Weitere Unterstützung erhielt das Vorhaben durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Hierbei lobte Dr. Arnold von Bosse insbesondere den persönlichen Einsatz von Prof. Kiesow. Die Sanierung dauerte damals von 1999 bis 2002 an. Ein besonderer Fund im ehemaligen Anbau des Kemladens – das alte Mühlenrad, wurde erhalten und in einem Speicher am Hafen aufgehängt. Die damalige Genossenschaft wurde später in eine Wohnungseigentümergemeinschaft umgewandelt, wovon noch einige ehemalige Genossenschaftsmitglieder heute Eigentümer sind.

Kellerkonstruktion in der Frankenstr.

Vor der Frankenstraße 40 erwartete uns anschließend der Stralsunder Architekt Thorsten Kind. Hier erfuhren wir sehr anschaulich bebildert, wie der damalige Bauherr und Eigentümer, Herr Thorsten Kind selbst, unter der Maßgabe, so viel wie möglich zu erhalten, vor 20 Jahren mit der Sanierung begonnen hat. Auf dem Grundstück, welches sich bis zum Frankenwall erstreckt, befindet sich am selbigen eines der letzten Häuser aus der Renaissance. Das Gebäude gehörte damals den Gründern des Kaufhauses Wertheim und war daher im Innern etwas exklusiver ausgestaltet. Besonderheiten sind z. B. drei alte erhaltene vorpommersche Kachelöfen und historische Innentüren. Im Gebäude noch vorhandene Holzbalken stammen nachweislich aus dem Jahre 1688. Der hofseitige Anbau stammt aus dem 16. Jahrhundert. Leider war eine Begehung derzeitig nicht möglich, aber gegebenenfalls bietet sich zu einem späteren Zeitpunkt eine Gelegenheit.

Nicht weit entfernt, ging es weiter zu den Häusern Frankenstraße 49 bis 52. Hier berichtete Wolf-Dieter Thormeier, als derzeit begleitender Restaurator, über das Engagement des Bauherrn, Herrn Manfred Gohr, der aus bauhistorischer Sicht alle vier Gebäude mit Vorsicht und Hingabe sanierte. So wurden in allen vier Häusern beeindruckende historische Befunde freigelegt und erhalten. Wir erfuhren unter anderem, dass die Nr. 49 im jetzt vorzufindenden Zustand bereits im Jahre 1785 wieder aufgebaut wurde und um ein Geschoss erhöht wurde. Im 1. Obergeschoss sind im Zuge der Sanierung in den beiden straßenseitigen Zimmern wunderschöne Wandmalereien zum Vorschein gekommen. Die Zimmer waren umlaufend mit prächtigen Malereien versehen, wovon eine Wand aufwendig saniert wurde. Besonders erwähnenswert sind auch die vorhandenen barocken Deckenbalkenmalereien und die anhand alter Fotos rekonstruierte Werbeschrift an der Fassade. Wie wertvoll der Fundus der historischen Denkmal-Türen der Stadt ist, zeigt sich auch an diesem Beispiel. Im Fundus konnte eine passende alte Tür ausgewählt und aufgearbeitet werden und fand hier einen neuen Platz.

In der Badstüberstr

Gleich um die Ecke ging es weiter in die Badstüberstraße. Anschaulich berichtete Frau Möckel über persönliche Lebenswege, wie sie mit 8 Jahren Stralsund verlassen hat und in ihr jetziges Wohnhaus in die Badstüberstraße 7 wieder zurückfand. Nach ihrer Rückkehr nach Stralsund im Jahre 1996 befand sich auf dem Grundstück ein sehr baufälliges Gebäude, welches nicht mehr gerettet werden konnte. Der Abriss wurde unter der Bedingung genehmigt, dass das neue Gebäude originalgetreu wieder aufgebaut wird. So gesagt, so getan. Spontan und zur Freude der Teilnehmer gewährte Frau Möckel noch einen kurzen Einblick in ihr Haus und öffnete die Türen.

In der Wekstatt von W.D. Thormeier

Ungesehen durfte in diesem Straßenabschnitt natürlich nicht die Badstüberstraße 17 bleiben. Hier grübelt, tüftelt und werkelt der Restaurator Wolf-Dieter Thormeier und musste in seinen eigenen vier Wänden über Erhalt, Befundsicherungen und Restaurationen nur mit sich selbst ins Reine kommen. Wir erfuhren, dass das Haus ein einfaches Handwerkerhaus war und hier einst vom Keller bis zum Dachgeschoss fünf Familien wohnten. Wolf-Dieter Thormeier berichtete anschaulich über viele historische Details in diesem Haus, die auch in anderen Häusern Stralsunds teilweise zu finden sind und ein Indiz für einen Trend der damaligen Zeit sein können oder auch einfach Wiederverwendungsprojekte eines gefragten Handwerkers waren. Besonders beeindruckend ist der lichtdurchflutete Arbeitsraum, der durch die Deckenöffnung zum Obergeschoss geschickt geschaffen wurde. Spannend war auch die Geschichte der drei geretteten Bretter, die Wolf-Dieter Thormeier während der Abrissarbeiten des Hauses von Bäcker Zander in der Wasserstraße in einem Container entdeckte. Klug, kreativ und wie es sich für einen Restaurator gehört, sind in sämtlichen Bereichen des Hauses historische Details zu sehen und zu fühlen – Geschichte zum Anfassen und fast die heimliche kleine Schwester der Mönchstraße 38.

Weiter ging es in der Badstüberstraße über die Langenstraße hinweg. Hier stellte Architekt Thorsten Kind die Ideen und Umsetzungen zu dem von ihm sanierten Gebäude sowie den hier errichteten Neubauten vor. Durch die Details, wie die Einbeziehung eines Baumes, die Wiederverwendung historischer Türen und vor allem aber der Umgang und die gestalterische Umsetzung mit den herausfordernden Grundstücksabmessungen ist dieses Gebäudeensemble individuell und lebendig auf eine eigene Art.

Neubau Badstüberstr.

Auf dem weiteren Weg berichtete Dagmar Fromme eindrucksvoll zur Wasserstraße 80 über den damaligen Hilferuf, Eigenmittel zu beschaffen und die anschließende große Unterstützung, die dieses Sanierungsvorhaben erfuhr. Für das Bürgerkomitee stellt dieses Vorhaben eines der Leuchtturmprojekte für erfolgreiches Engagement und eine sehr gelungenen Sanierung dar. Ein Wehrmutstropfen ist sowohl hier wie auch in der gesamten Wasserstraße die unbefriedigende Verkehrssituation. Es wäre wünschenswert, wenn das aktuelle Verkehrskonzept verbessert wird.

Einen gelungenen Abschluss fand der Rundgang im Rosengarten des Johanniskloster. Seit 2024 wird dieser nun aktiv vom Bürgerkomitee mit neuen Ideen und Pflanzen bereichert, liebevoll gepflegt und vor allem für Stralsunder und Gäste zeitweise begeh- und erlebbar gemacht.

Zahlreiche Mitglieder und Gäste folgten der Einladung und erhielten bei einem fast dreistündigen abwechslungsreichen Spaziergang durch die Altstadt spannende Hintergrundinformationen, einen Blick auf besondere Details und interessante Einblicke in die historischen Häuser. Die gemeinsame Begehung bot nicht nur spannende Geschichten, sondern auch Gelegenheit für gute Gespräche.

Abschließend sei ein besonderer Dank an Frau Dagmar Fromme, Herrn von Bosse, Herrn Kind und Herrn Thormeier gerichtet, die sich die Zeit genommen haben und mit viel Begeisterung wissenswerte Informationen und interessante Anekdoten anschaulich vermittelt haben. Ein weiterer Dank geht auch an Frau Möckel für den spontan gewährten Einblick in ihr Wohnhaus in der Badstüberstraße 7.

Die vielen positiven Rückmeldungen zeigen, wie groß das Interesse ist. Und für die, die dieses Mal nicht dabei sein konnten, können wir eine Fortsetzung der Begehungen zu den „Koggensiegelhäusern“ bereits in Aussicht stellen.

Kati Rehberg in G&T #95