Das Baugeschäft Viernow

Die Familie Viernow gehört zum festen Bestandteil des Franken dazu. Im Jahre 1910 gründete Baumeister Albert Viernow das Baugeschäft, das seine Spuren in der Stadt seitdem nachhaltig hinterlassen hat. Erwähnen möchte ich nur den Artushof am Alten Markt und die Villen im Rosengarten sowie zahlreiche Häuser in der Frankenvorstadt.
1920 wurde das Stammhaus am Frankendamm 67 errichtet, zuvor stand dort eines der sog. Ackerbürgerhäuser. Die Entwürfe für das Haus fertigte mein Großvater an der Front im 1. Weltkrieg in Belgien und Frankreich. Zu früh verstarb er 1933, der sich auch einen Namen als Ratsherr und als Förderer des Handwerks gemacht hatte. Seine Frau Anna führte das Geschäft mit aller Ihrer Kraft -unterstützt von Ihrem Sohn Rudolf, der damals noch in Greifswald studierte- mit Erfolg weiter.
Beim Bombenangriff am 6. Oktober 1944 wurde das Grundstück direkt von zwei Bomben getroffen, in unmittelbarer Nachbarschaft kamen zwei weitere dazu. Kaum das die Schäden beseitigt waren, war Kriegsende und die Russen konfiszierten das Grundstück und errichteten dort die erste Kommandantur. Als sie abrückten, nahmen sie den LKW -einen Holzvergaser-mit (er wurde zum Glück kurz darauf im Straßengraben in Brandshagen gefunden; die Holz-feuerung war ausgegangen) und hinterließen zahlreiche Waffen und vor allem Munition, die für uns Kinder von großem Interesse war wegen des Schwarzpulvers.
Im Krieg und danach bis Ende 1947 lag die Last der Betriebsführung wieder auf den Schultern von Anna Viernow, da mein Vater Rudolf Viernow eingezogen und in Kriegs-gefangenschaft war. Nach dem Krieg erwarb sich das Baugeschäft einen sehr guten Ruf beim Denkmalschutz, da Restaurierung, Umbau, Neubau aller Stralsunder Kirchen und Klöster zu den Stärken der Firma geworden war und sie bis nach Sachsen führte.
Ein bitterer Nachgeschmack der DDR-Zeit blieb unserer Familie nicht erspart; ich bekam keinen Studienplatz und ging nach Westdeutschland und ein Familienmitglied wurde Ende 1969 von der Stasi abgeholt und in den Keller des Stasigebäudes am Frankendamm 5 ge-bracht. Unsere Familie ist jahrelang bespitzelt worden (der IM war Betriebsangehöriger) und die „Überführung“ erfolgte durch eine geplante, üble Falle!
Neben dem Baugeschäft Albert Viernow muss noch die Bau- und Möbeltischlerei August Manfras in der Frankenschulstraße 5 (Fritz-Reuter-Str.) erwähnt werden. August Manfras war mein Opa mütterlicherseits. Er war ein geschätzter Möbeltischler, das Werkstattgebäude steht heute noch (genutzt von Drechsler Genz); das Wohngebäude gehörte der Stadt und ist abgerissen worden. Ich erinnere mich noch, dass bei starkem Regen das Wasser von der Straße durch den Flur auf den Hof floss und dass es ein Plumpsklo hinter der Werkstatt gab. Nach dem Krieg musste er für die Russen Koffer bauen und erhielt dafür Naturalien, die uns gut über die schlechte Zeit gebracht haben.
1972 musste mein Vater das Baugeschäft verkaufen, es wurde VEB Hochbau; 1991 haben die Söhne den Familienbesitz im Rahmen der Vermögensrückführung von der Treuhand zurück-gekauft. Es wurde kräftig in die marode hinterlassene Bausubstanz investiert, eine zeitlang wieder das Baugeschäft betrieben, das Kontorhaus Frankendamm 69 und Hühnerberg 5/5a errichtet.


Wolfgang Viernow