Heilgeiststraße 89

Vor wenigen Wochen beauftragten wir Restaurator Wolf Thormeyer, die Schriftzüge des jüdischen Lederwarenladens der Gebrüder Julius und Felix Blach, die von 1880 bis 1938 in der Heilgeiststraße 89 ihr Geschäft führten, zu rekonstruieren. Auch eine Tafel haben wir im öffentlich zugänglichen Hauseingang unseres 2012 erworbenen Hauses anbringen lassen, um über die wechselhafte Geschichte des Hauses seit 1680 bis in die heutige Zeit zu berichten mit besonderem Fokus auf die Jahre 1880 bis 1938. Den Anlass zu dieser intensiven Recherche haben wir nicht zuletzt der Verleihung des Koggensiegels zu verdanken, denn nur deshalb haben wir uns so gründlich mit der Geschichte des Hauses auseinandergesetzt. Bei jener Preisverleihung im November 2015 verlor ich an einem Punkt bei der von mir vorgetragenen Darstellung der Geschichte meine Fassung: Der frühere Eigentümer bis 1934, Friedrich Blach, konnte zwar rechtzeitig in die USA emigrieren, seine 5 älteren Geschwister mit einem Großteil ihrer Familien wurden jedoch Opfer des Holocaust. Das löste eine höchst intensive Suche nach Friedrich Blachs Nachfahren aus, führte zum Erfolg und eine herzliche Freundschaft mit den Nachfahren begann. Weitere intensive Recherchen ermöglichten eine bewegende Familienzusammenführung. Die ganze Darstellung ist im Stralsunder Heft für Geschichte, Kultur und Alltag 2017 mit Fotos erschienen. Sie ist zu weitläufig, um sie in diesem kurzen Artikel zusammen zu fassen. Tatsache ist jedoch, dass die Geschichte längst noch nicht abgeschlossen ist: Suchanzeigen in England führten zur Ermittlung von Nachfahren aller Familienmitglieder, die in dieser Lederhandlung gearbeitet haben nebst Zusendung von Fotos. Das Glück über diesen Erfolg ist überschattet durch die Schicksale während des Naziterrors und deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit. Mein Dank gilt im besonderen den Nachfahren, die vollkommen zunächst überrascht, dann jedoch sehr bereitwillig und erfreut ihre noch vorhandenen oder mühevoll rekonstruierten Familienarchive umpflügten, um nach ihren Stralsunder Wurzeln zu suchen. Die Aufarbeitung der Geschichte ehemals jüdisch bewohnter Häuser in Stralsund ist angestoßen.

Aus G&T #69 Okt. 2017

Hafenstraße 8 (Türmchenspeicher)

Das sechsgeschossige Backsteingebäude neben dem Ozeaneum ist heute als „Speicher 8“ oder auch „Türmchenspeicher“ bekannt und gilt als der wohl schönste Speicher der Hansestadt Stralsund.

Es wurde im Jahr 1905 an der südlichen Ecke der Hafenstraße zur Neuen Semlower Straße auf einem Pfahlwerk errichtet. Eine Besonderheit ist, im Vergleich zu dem bereits vorhandenen südlich anschließenden Speichergebäude, die äußerst aufwändige Verzierung des Zweckbaus mit historisierenden Friesen, Lisenen und Blenden. Ein Treppenturm an der Gebäudeecke und ein breites Zwerchhaus mit Stufengiebel zur Hafenstraße hin unterstreichen den repräsentativen Charakter.

Das Baugesuch wurde am 20. Februar 1905 von der Firma Kleesattel & Lewerenz eingereicht. Die Konzeption und Bauausführung übernahm die Firma Teichen aus Stralsund. Am 9. Dezember 1905 konnte die Bauabnahme angezeigt werden.

Im Jahr 1908 wurde eine Verladebrücke angebaut.

Speicher mit Verladebrücke

Der Speicher wurde zur Lagerung von Getreide und anderen landwirtschaftlichen Produkten verwendet. Ab Mitte der 1920er Jahre war er im Besitz der Firma Koch & Poggendorf.

Ende der 1980er Jahre musste das Haus aufgrund des schlechten Zustandes der Dielen gesperrt werden. Der VEB Industrievertrieb nutzte das Erdgeschoss zur Lagerung von Bildröhren.

Von August 2007 bis Juli 2010 wurde der Speicher umfassend durch das Architekturbüro Eriksson saniert und es konnte so ein Abriss vermieden werden.

Heute befindet sich darin die Energieversorgung des Ozeaneums Stralsund. Seit 2010 wird im Erdgeschoss die Gaststätte „Speicher 8“ mit Feinschmeckergastronomie betrieben.

Das Haus liegt im Randgebiet des von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannten Stadtgebietes des Kulturgutes „Historische Altstädte Stralsund und Wismar“.

In die Liste der Baudenkmale in Stralsund ist es mit der Nummer 848 eingetragen.

Badenstraße 17

Das Gebäude Badenstraße 17, in dem sich heute das Bauamt der Hansestadt Stralsund befindet, wurde als schwedisches Regierungspalais in den Jahren 1726 bis 1730 errichtet, nachdem die Bautätigkeit in Stralsund im 17. Jahrhundert zu völligem Stillstand gekommen war.

1721 erhielt der schwedische Architekt Cornelius Loos den Auftrag, ein großes Gebäude nach dem Vorbild Stockholmer Adelspaläste für den Grafen Johann August von Meyerfeldt, der seit 1713 Generalgouverneur in Stralsund war, zu errichten. Meyerfeldt war Auftraggeber und zugleich Bauherr, bezahlte den Bau aus seinem eigenen Vermögen.

Das „Meyerfeldtsche Palais“ ist auf vier mittelalterlichen Hausstellen erbaut worden und erstreckte sich in der Tiefe von der Badenstraße bis zur Heilgeiststraße. Der mit zwei Seitenflügeln versehene Bau besaß 49 Räume – davon wurden acht von der Familie Meyerfeldt zu Wohnzwecken genutzt, die weiteren waren Dienst- und Repräsentationsräume, Wirtschaftsräume im Erdgeschoss sowie Wohnräume der Angestellten unter dem Dach. Ein Backhaus mit Konditorei, ein Brauhaus, große Küche und zwei Magazingewölbe befanden sich ebenfalls im Gebäude. Das Bauwerk wurde durch eine hohe Mauer mit zwei seitlich gestellten Einfahrtstoren von den benachbarten Bürgerhäusern abgegrenzt. Im Hofinneren führten drei doppelte Freitreppen zu jedem der Seitenflügel sowie zum Hauptbau.

  • 1802 Erben des Grafen Meyerfeldt verkauften das Gebäude an den schwedischen König
  • 1835 Verkleinerung der sehr großen Eingangstreppe in der Badenstraße auf Bitte des Rates der Stadt auf die heutige Größe
  • 1944 Beschädigung des Gebäudes durch Bombenangriff am 06.10.1944
  • 1952 Einzug der Musikschule in die Kellerräume
  • 1956 provisorische Instandsetzungen des Gebäudes
  • 2011 Abschluss der Sanierung des 1. Bauabschnittes (Ostflügel)
  • 2015/2016 umfangreiche Sanierung des 2. Bauabschnittes des Gebäudes mit Auslagerung der Mitarbeiter des Bauamtes in das ehemalige Finanzamt Lindenstraße
  • Nov: 2016 Verleihung des Koggensiegels für gelungene Sanierung

Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und ist in der Liste der Baudenkmale der Hansestadt Stralsund eingetragen.