Die Langenstraße 55 ist ein denkmalgeschütztes Traufenhaus vom Attika -Typ. 1746 als vermutlich eingeschossiges Haus mit Satteldach auf den Fundamenten des 1678 bei der Brandenburger Belagerung niedergebrannten Giebeihauses errichtet, wurde nach einem Dachstuhlbrand 1918 ein Drempelgeschoss mit flachgeneigtem Satteldach aufgesetzt. Die Fassade erhielt eine Gliederung durch Simse und Faschen. Die Haustür stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des 19. Jh. und wurde mit Hilfe des SES -Türenprogramms saniert. Die Aufarbeitung der Innentreppe wurde vom Bürgerkomitee unterstützt. Heute sind 440 qm zu 5 Wohnungen ausgebaut. Auf dem Dach befindet sich eine Photovoltaikanlage mit 3,3kwP und eine solarthermische Anlage.
Die Geschichte des Hauses reicht mindestens bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück. Nach den Recherchen von Dr. Andreas Neumerkel vom Stadtarchiv erhielt es damals weitgehend sein heutiges Erscheinungsbild. Seine Bauweise entspricht den kleinen Gebäuden, die häufig rund um Kirchen zu finden waren. Für größere Häuser mit Giebelfront war an dieser Stelle kein Platz, da diese über die Grenze des Kirchhofs hinausgereicht hätten.
Katasterauszug 1700-1869
Um 1700 befand sich das Haus im St.-Nikolai-Viertel im Besitz von J. Friedrichs. Als weitere Eigentümer folgten J. Wolper und A. B. Teßmer. Nach dessen Tod heiratete seine Witwe P. C. Stapelberg. Im Jahr 1769 erwarb Joh. Nic. Siegel das Haus, 1783 ging es in den Besitz von P. Tetzlof und bereits 1784 in den von Ch. Borchardt über. Ab 1837 war Gustav Keller Eigentümer. Im Jahr 1869 erfolgte die Umbenennung der Adresse in Badenstraße 51.
Ein schriftlicher Beleg aus dem Jahr 1706 gibt Einblick in die damalige Ausstattung des Hauses. Darin werden ein Bretterfußboden und eine Winde erwähnt. Außerdem gab es links vom Eingang einen Durchgang, über den man zum Nikolaihof gelangte.
Das Gebäude war über Generationen hinweg eng mit dem örtlichen Handwerk verbunden. Die Bewohner nutzten es sowohl zum Wohnen als auch für ihre berufliche Tätigkeit. Als früher Eigentümer ist um 1700 der Schwertfeger Jürgen Friedrichs bekannt. Schwertfeger waren auf die Anfertigung blanker Waffen spezialisiert. Knapp ein Jahrhundert später, 1784, kaufte Christoph Borchardt das Haus zum Preis von 600 Reichstalern. Er arbeitete als Buntfütterer, einem Handwerker des Kürschnergewerbes, der sich mit der Verarbeitung von Pelzen beschäftigte. Im 19. Jahrhundert befand sich das Gebäude im Besitz des Bürstenmachers G. Keller.
Strassenansicht vor 1944 — Links befindet sich der Zugang zum Nikolaikirchhof, der durch ein Tor von der Straße abgeggrenzt ist
Ansicht vom Nikolaikirchhof (vor 1944)
Auch das Umfeld des Hauses hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Einst verlief die Häuserreihe entlang der Badenstraße bis unmittelbar zum Rathaus. Von dieser früheren Bebauung gingen die Häuser Nr. 52 bis 55 verloren. Sie wurden am 6. Oktober 1944 bei einem Bombenangriff vollständig zerstört.
Die Nachbarhäuser zum Rathaus hin (Nr. 52-55) wurden während des Bombenangriffs 1944 vollständig zerstört
Der zweigeschossige, dreiachsige Traufenhausbau wurde vermutlich Anfang des 18. Jahrhunderts auf den Mauern eines mittelalterlichen Vorgängerbaus errichtet. Teile der mittelalterlichen Kellerwände wurden in den Neubau einbezogen. Im schwedischen Matrikel von 1706/07 wird ein großer Keller unter einem zweigeschossigen Haus erwähnt.
Von Mitte Juli bis Mitte August 2008 fanden restauratorische Untersuchungen statt, an die sich die Restaurierung des gesamten Gebäudes anschloss. Im November 2009 wurde das Haus vom Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“ e. V. mit dem Koggensiegel ausgezeichnet. Im Dezember 2009 zog die Eigentümerfamilie in das Gebäude ein.
Zustand 2008Zustand 2026
Die Nachbargebäude Badenstraße 52/53 in Richtung Rathaus wurden im Jahr 2018 neu errichtet.
Die Treppe Eine dreiviertelgewendelte Treppe verbindet das Erdgeschoss mit dem 1. Obergeschoss. Die gedrechselten Docken im Geländerbereich wurden nach historischem Vorbild neu hergestellt.
Treppe EGTreppe OGTreppe vor und nach der Restaurierung
Die Aufnahmne aus dem restauratorischen Gutachten von Wolf Dieter Thormeier aus dem Jahr 2008 dokumentiert den früheren Zustand der Treppe im Bereich des 1.OG und des Treppengeländers. Das aktuelle Foto zeigt die Treppenanlage nach der Sicherung und Aufarbeitung der historischen Bauteile.
Die Türen
Die rahmenlose, am Mauerwerk anschlagende zweiflügelige Haustür mit bogigem Oberlicht ist auf den Aufnahmen von 2008 und 2026 dargestellt.
Innen und Aussentüren vor und nach der Sanierung
Im gesamten Gebäude waren 2008 Füllungstüren aus dem 19. Jahrhundert erhalten, teilweise mit bemerkenswerten Türbändern. Diese wurden vor Beginn der Baumaßnahmen gesichert und größtenteils wiederverwendet.
Tür aus dem 19. Jahrhundert
Der Keller Im Keller befanden sich ehemals Gänge die zum Rathaus führten. Der Kellerboden besteht heute aus historischen Ziegelsteinen als auch aus Pflastersteinen.
zugemauerte Gänge zum RathausBoden aus Ziegel und Naturpflaster
Fotos: Stadtarchiv, W. D. Thormeier, C. Barwitzki Quellen: Restauratorische Untersuchungen W. D. Thormeier, Archiv Dr. A. Neumerkel, Kataster 1700-1869 Text: C. Barwitzki