Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Badrow,
das Johanniskloster ist insbesondere in den vergangenen zwei Jahren wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Das Bürgerkomitee hat hierzu aus unserer Sicht einen wichtigen Beitrag geleistet. Wir erinnern beispielsweise an die Klosterfeste der Vereine im vergangenen und in diesem Jahr sowie insbesondere an unser umfangreiches Engagement bei der Neugestaltung und Pflege des Rosengartens. Unser Ziel war und ist es, das Johanniskloster als bedeutenden historischen und kulturellen Ort wieder stärker erlebbar zu machen.
Umso größer ist unser Unverständnis über die nun geplante Umsetzung der Pietà aus dem Johanniskloster in den Innenhof des Stralsund Museums.
Die Pietà gehört seit fast vier Jahrzehnten zum Johanniskloster. Die 1988 vom Güstrower Bildhauer Hans-Peter Jaeger nach einem Entwurf von Ernst Barlach geschaffene Skulptur steht nicht zufällig vor der Chorruine. Ihre Geschichte und ihr heutiger Standort sind untrennbar miteinander verbunden.
Bereits 1986 hatte die Ernst-Barlach-Gedenkstätte der DDR beim Kulturhistorischen Museum Stralsund wegen der postumen Errichtung eines Ehrenmals nach Entwürfen Ernst Barlachs angefragt. Als Standort war das Johanniskloster vorgesehen. Der damalige Leiter des Stadtarchivs, Prof. Dr. Herbert Ewe, griff diese Idee auf und setzte sich für ihre Verwirklichung ein. Nach Abstimmungen mit der „Ernst und Hans Barlach GbR“ in Ratzeburg wurde schließlich deren Zustimmung erteilt. In einem Schreiben vom 14. November 1986 hieß es ausdrücklich, die Voraussetzungen für eine Nachbildung der „Pietà“ seien gegeben; zugleich wurde darauf verwiesen, dass Barlach selbst eine Aufstellung seines Werkes im Stralsunder Johanniskloster gewünscht hätte.
Dieser historische Zusammenhang ist aus unserer Sicht von erheblicher Bedeutung. Die Pietà ist nicht irgendein Kunstwerk, das beliebig von einem Ort an einen anderen versetzt werden kann. Sie ist Teil der Geschichte des Johannisklosters und hat sich dort über Jahrzehnte zu einem eigenständigen Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung entwickelt.
Ursprünglich als Heldendenkmal vor der kleinen Johanniskirche vorgesehen, steht sie heute vor der Chorruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten kleinen Johanniskirche. Gerade in diesem Zusammenspiel von Kunstwerk, Ruine und historischem Ort liegt ihre besondere Aussagekraft. Die Pietà erinnert dort unmittelbar an die Folgen von Krieg und Zerstörung und steht zugleich für Frieden und Versöhnung. Diese Verbindung ist durch eine Verlagerung in einen Museumshof nicht gleichwertig zu ersetzen.
Wir sprechen uns daher nachdrücklich gegen die geplante Umsetzung der Pietà aus.
In der Sitzung des Kulturausschusses vom 27.08.2026 wurde die geplante Neugestaltung des Innenhofes des Stralsund Museums vorgestellt. Bestandteil dieser Planung ist offenbar u. a. die Präsentation der Pietà aus dem Johanniskloster.
Wir können nicht nachvollziehen, weshalb ausgerechnet heute dieses über Jahrzehnte gewachsene Friedenszeichen aus seinem historischen Zusammenhang herausgelöst werden soll. Mit einer Umsetzung würde nicht lediglich eine Skulptur ihren Standort wechseln. Es würde vielmehr ein aussagekräftiges Ensemble zerstört: die Pietà, die Chorruine und der historische Ort Johanniskloster gehören in ihrer heutigen Wirkung zusammen.
Eine Neugestaltung des Stralsund Museums darf aus unserer Sicht nicht dadurch verwirklicht werden, dass an einem anderen, historisch gewachsenen Kulturstandort ein wesentlicher Bestandteil entfernt wird. Wir empfinden dies auch als mangelnde Wertschätzung gegenüber den Menschen, die sich in der Vergangenheit für den Erhalt und die kulturelle Entwicklung des Johannisklosters eingesetzt haben.
Dies gilt für uns in besonderem Maße mit Blick auf Prof. Dr. Herbert Ewe, der zu den Gründungsmitgliedern unseres Bürgerkomitees gehörte. Seinen Ideen und seinem Vermächtnis fühlen wir uns bis heute verpflichtet. Gerade deshalb sehen wir es als unsere Verantwortung an, uns dafür einzusetzen, dass die Pietà an ihrem angestammten und von Barlach gewünschten Ort erhalten bleibt.
Im Rahmen unserer Jahreshauptversammlung am 12.09.2026 stellte Frau Dr. Heun die geplante Gestaltung des Kreuzganghofes des Katharinenklosters vor. Vorgesehen ist demnach die gemeinsame Präsentation von drei Plastiken aus der Klassischen Moderne. Neben der bereits erwähnten Pietà soll auch das „Kriegerdenkmal von 1934“ von Georg Kolbe gezeigt werden. Diese Skulptur war zuvor im Marinemuseum auf dem Dänholm aufgestellt und wurde vom Förderverein des Marinemuseums Dänholm e. V. in die Führungen einbezogen.
Die Kolbe-Plastik entstand im selben Wettbewerb, an dem sich auch Ernst Barlach beteiligte. Um „größerem Ungemach zu entgehen“, zog Barlach seinen Entwurf – eine Pietà – 1933 zurück. Beide Plastiken beziehen sich auf dasselbe historische Ereignis, den Ersten Weltkrieg, setzen sich jedoch in ihrer künstlerischen Aussage in grundlegend unterschiedlicher Weise mit diesem auseinander. Während bei Kolbe das „heldenhafte“ überwiegt, ist bei Barlach das „trauernde“ ein zentrales Motiv. Gerade vor diesem Hintergrund halten wir eine gemeinsame Präsentation beider Werke im Kreuzganghof für nicht vertretbar. Die räumliche Zusammenführung würde aus unserer Sicht die spezifische Aussage der Barlach-Pietà verwischen, ihre Rezeption relativieren und damit ihrem historischen und künstlerischen Kontext nicht gerecht werden. Eine solche Gegenüberstellung würde der Bedeutung und Intention des Werkes nicht entsprechen und wäre nach unserem Verständnis insbesondere dem Umgang Barlachs mit dem Thema Krieg nicht angemessen.
In einer Skizze stellt Barlach seine Pietà in den Kirchenraum der großen Johanniskirche, zusammen mit hochgewachsenen Bäumen im sakralen Raum. Diese Aussage gehört zur Pietà dazu, sie kann nicht von ihr getrennt werden.
Die Zerstörung der Johanniskirche durch den Bombenangriff von 1944 und die später aufgrund der großflächigen Schäden erfolgte Beseitigung der Kreuzgänge haben den heutigen Ort zusätzlich geprägt. Dadurch bekommt der aktuelle Standort der Pietà noch einmal eine besondere Bedeutung, liegt er doch im Schnittpunkt der Sichtachsen von der Klosterfreiheit auf den Chor und von der Külpstrasse auf den Kreuzganghof. Besser kann man Barlachs Intentionen nicht gerecht werden.
Die Ruine der Johanniskirche ist kein Museum, sondern ein weiter Raum, die Skulptur damit Denkmal im schönsten Sinne. Diese Raumwirkung wäre im Kreuzganghof des Stralsund Museums mitnichten zu erreichen.
Das Johanniskloster würde durch eine Entnahme der Pietà deutlich mehr verlieren, als das Stralsund Museum gewinnen könnte. Vor allem aber würde die Zusammenlegung mit dem Kolbe-Denkmal die unterschiedlichen künstlerischen und zeitgeschichtlichen Aussagen beider Werke in einer Weise überlagern, die wir nicht mittragen können.
Wir lehnen daher die Herausnahme der Barlach-Pietà aus ihrem heutigen räumlichen und historischen Zusammenhang und ihre gemeinsame Präsentation mit der Kolbe-Plastik im Kreuzganghof des Katharinenklosters ausdrücklich ab. Wir halten es für erforderlich, die Pietà an ihrem jetzigen Standort zu belassen und damit die besondere Verbindung von Werk, Raum, Geschichte und Barlachs eigener künstlerischer Intention zu bewahren.
Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass auch Georg Kolbe ursprünglich eine Aufstellung seines Denkmals im Johanniskloster vorgesehen hatte. Stattdessen wurde sie 1935 von der Stadtverwaltung am damaligen Hindenburgufer aufgestellt.
Die Begründung, eine Umsetzung der Pietà sei zwingende Voraussetzung für eine umfangreiche kommerzielle Nutzung des Johannisklosters, überzeugt uns nicht.
Die Erfahrungen der vergangenen Veranstaltungen sprechen aus unserer Sicht eine andere Sprache. Die Nikolausmärkte am dritten Adventswochenende ebenso wie die Klosterfeste haben gezeigt, dass eine Nutzung des Johannisklosters möglich ist, ohne die Pietà dauerhaft aus ihrem Umfeld zu entfernen. Für die Nikolausmärkte wurde die eigens als Winterschutz geschaffene Einhausung genutzt. Sollte dies für einzelne Veranstaltungen erforderlich sein, könnte diese Lösung nach unserer Auffassung auch künftig verwendet werden.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es tatsächlich sachgerecht ist, für eine mögliche kommerzielle Nutzung an einzelnen Tagen einen historischen und kulturellen Zusammenhang aufzugeben, der sich über fast vier Jahrzehnte entwickelt hat. Whisky-, Weinmessen oder vergleichbare Veranstaltungen finden schließlich nicht an 365 Tagen im Jahr statt. Die Pietà könnte daher außerhalb einzelner Veranstaltungen weiterhin für die Öffentlichkeit im Johanniskloster sichtbar bleiben.
Eine Verlagerung in das Stralsund Museum würde demgegenüber bedeuten, dass ihre Wahrnehmung künftig wesentlich von den Öffnungszeiten des Museums abhängig wäre. Vor allem aber ginge die unmittelbare Verbindung zur Chorruine verloren.
Besonders kritisch sehen wir auch die bisherige Verfahrensweise.
Dass ein Vorhaben von dieser kulturhistorischen Bedeutung im Wesentlichen im Kulturausschuss vorgestellt und anschließend ohne eine umfassende öffentliche und fachliche Diskussion umgesetzt werden soll, halten wir für nicht ausreichend.
Eine Entscheidung über den Verbleib der Pietà darf aus unserer Sicht nicht allein unter dem Gesichtspunkt einer geplanten Innenhofgestaltung oder einer möglichen kommerziellen Nutzung des Johannisklosters getroffen werden. Erforderlich ist vielmehr eine transparente Abwägung der kulturhistorischen, denkmalpflegerischen, städtebaulichen und gesellschaftlichen Aspekte.
Dazu gehört aus unserer Sicht zwingend die angemessene Einbindung der Stralsunder Bürgerschaft. Ebenso sollten die zuständigen Fachbereiche und fachlich relevanten Institutionen und Gremien – insbesondere der Welterbebeirat – in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.
Das öffentliche Interesse an dieser Frage zeigt bereits jetzt, dass es sich keineswegs um eine rein verwaltungsinterne Angelegenheit handelt. Auch wir hätten erwartet, als Bürgerkomitee zumindest angehört und nach unserer Einschätzung gefragt zu werden. Dies gilt umso mehr, als wir uns gerade in den vergangenen zwei Jahren mit großem persönlichem und ehrenamtlichem Engagement für das Johanniskloster eingesetzt haben.
Wir appellieren deshalb eindringlich an Sie, die geplante Umsetzung der Pietà nicht weiterzuverfolgen, bevor eine umfassende öffentliche und fachliche Diskussion stattgefunden hat.
Unser Anliegen ist dabei nicht, die Weiterentwicklung des Stralsund Museums oder eine sinnvolle Nutzung des Johannisklosters zu verhindern. Im Gegenteil: Wir begrüßen ausdrücklich das Ziel, beide Orte lebendig und für die Öffentlichkeit zugänglich zu halten. Eine solche Entwicklung darf jedoch nicht auf Kosten eines historisch gewachsenen Ensembles gehen, dessen Bedeutung weit über die Grenzen des Johannisklosters hinausreicht.
Was sich über fast vier Jahrzehnte zu einem eindrucksvollen Zeichen des Friedens entwickelt hat, sollte nicht ohne zwingenden Grund aufgegeben werden.
Wir werden uns deshalb mit Nachdruck dafür einsetzen, dass die Pietà dort erhalten bleibt, wo sie nach unserer Überzeugung hingehört: vor die Chorruine des Johannisklosters.
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Badrow,
gern hätten wir – wie sicherlich viele andere Interessierte auch – unseren Standpunkt in einem direkten Gespräch mit Ihnen und den zuständigen Stellen der Stadtverwaltung erörtert. Zugleich war es uns wichtig, unsere Position vor einer endgültigen Entscheidung unmissverständlich darzulegen.
Aus diesem Grund werden wir dieses Schreiben auch den Fraktionen der Bürgerschaft, den zuständigen Stellen der Stadtverwaltung sowie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.
Wir hoffen weiterhin auf einen offenen Dialog und stehen für ein persönliches Gespräch selbstverständlich gern zur Verfügung.
Herzliche Grüße
Olaf Fromme
Vorstandsvorsitzender
Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt Stralsund“ e. V.
