Die Stralsunder Lokschuppen im Wandel ihrer Äußerlichkeit und der Zeit
Die verbliebenen Bauwerke und Anlagen des ehemaligen Bahnbetriebswerkes (Bw) Stralsund, rechtsseits gelegen an den nach Süden führenden Ausfahrtgleisen, lassen kaum eine Vorstellung zu, wie viele Eisenbahner und Mitarbeiter des Bw dort mit Tatkraft und Fleiß arbeiteten, welch vielfältige verkehrstechnische Anlagen und Maschinen im Betrieb waren und welche verkehrshistorisch bedeutsame Rolle die Eisenbahn in und für Stralsund einst gespielt hat.
Der Anschluss Stralsunds an das Gleisnetz und die damit entstandene Verbindung mit den umliegenden und relevanten Städten Norddeutschlands datiert bereits ins 19. Jahrhundert zurück – 1863 Anschluss via Angermünde und 1878 via Neubrandenburg nach Berlin, bis 1888 via Velgast nach Ribnitz und Rostock, ab 1883 mit der bahntechnischen Erschließung der Insel Rügen dann auch nach Skandinavien per Fähre.
Stralsund stand somit in den folgenden Jahrzehnten zunehmend über viele Relationen mit den größeren und bedeutenden Städten über den Nah- und Fernverkehr in Verbindung, was sich in der zunehmenden Anzahl an Zugumläufen im Personenverkehr und Leistungen im Gütertransport widerspiegelte. Damit verbunden war die Zunahme von Lokomotiven und Waggons, die angeschafft, bedient und unterhalten werden mussten. Das Bahnbetriebswerk Stralsund als zentrale Anlaufstelle und Ort zur Koordination der Zugbewegungen, aber auch der Restauration, Unterhaltung, Reparatur und Abstellmöglichkeit, v. a. für die Lokomotiven, expandierte daher in Form einer zunehmenden Anzahl an Gebäuden und Mitarbeitern in den folgenden Jahren und Jahrzehnten.

Der Lokschuppen 1, am nördlichsten gelegen, wurde 1879 gebaut und umfasste damals einen 4-ständigen Lokschuppen mit Drehscheibe, der später erweitert wurde auf 15 Stände – also 15 nebeneinander angeordnete Abstellplätze für Lokomotiven in einer großen Halle. Mit der rasanten Entwicklung des Eisenbahnverkehrs steigerte sich der Bedarf an weiteren Anlagen, und so wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Lokschuppen 2 mit insgesamt 18 Ständen gebaut. Zwischen 1917 und 1921 folgte dann Lokschuppen 3 mit 12 Ständen und der folglich dritten Drehscheibe. Die Drehscheibe ermöglicht nicht nur die Zufahrt zu den einzelnen Ständen, sondern auch das Wenden der Lokomotiven (Rückwärtsfahrten war für Dampfloks in der Regel nur mit der Höchstgeschwindigkeit 50 km/h erlaubt). Mithin vergrößerten sich die Bekohlungsanlagen (Hochbunkeranlage) und ab 1965 wurde eine Öltankstelle für die ölgefeuerten Dampfloks errichtet. Die Belegschaft umfasste zu DDR-Zeiten bis zu 2000 Mitarbeiter und auszubildende Lehrlinge.

Mit der politischen und damit auch wirtschaftlichen Wende 1989 veränderte sich das Wesen und die Betriebsamkeit im Bw grundsätzlich. Der Eisenbahnverkehr mit seinen Transportaufgaben verlor sehr schnell an Bedeutung und somit auch an Umfang. Ab 1994 wurde der Lokschuppen 1 nur noch als Abstellraum für Schadlokomotiven benutzt. Mit der Übernahme der Eisenbahn-Anlagen, -maschinen und des gesamten Personalstammes durch die DB AG war die tiefgreifende Umstrukturierung und Anpassung an die neu definierten Bedürfnisse und das ökonomische Diktat unumgänglich. In der Konsequenz aller diesbezüglichen Entscheidungen wurde das Bw Stralsund im Jahr 2001 endgültig geschlossen. Seit der vollzogenen Stilllegung liegen die Flächen, Anlagen und Immobilien brach. Natürliche, wie anthropogen-destruktive Einflüsse ließen die Bausubstanz in den folgenden Jahren merklich erodieren. Mit dem drastischen Wandel der äußerlichen Gestalt wird die unschätzbare Bedeutung des Bw Stralsund für die Stadt- und für die Verkehrsentwicklung und -geschichte im Norden bis heute zunehmend verschleiert, unkenntlich gemacht und damit nicht mehr ausreichend gewürdigt oder wenigstens in angemessener Form an sie erinnert.

(Erst) Im Jahr 2021 gelang es der Stadt Stralsund in Form der Liegenschafts- und Entwicklungsgesellschaft (LEG) das Areal von der DB AG, die von Anbeginn weder an dem Erhalt der Anlagen, noch an der Historie Interesse zeigte, zu übernehmen.
Die verwendeten Backsteine wurden überwiegend in der bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Devin ansässigen Ziegelei Otto Hossfeld gefertigt und waren somit in ausreichender Anzahl verfügbar. Die Ziegelsteine sind in vielen Gebäuden in und um Stralsund verbaut und markieren daher einen wichtigen Anteil der baulichen Entwicklung der Stadt im Industrie-, Wohnungs- und Zweckbau.

Der Vorteil der Ziegelsteine liegt in seinen hervorragenden Eigenschaften begründet: sie sind hart, druckfest und langlebig. Selbst tragende Außenwände und Pfeiler wurden aus Ziegeln in Massivbauweise angelegt. Unter Normalbedingungen können sie Wärme speichern und langsam abgeben. Durch ihre Diffusionsoffenheit kann auch Feuchtigkeit aufgenommen und abgegeben und so das Raumklima günstig beeinflusst werden. Sie sind überdies nicht brennbar und besitzen einen hohen Feuerwiderstand, was bedeutet, dass im Falle eines Brandes inner- oder außerhalb eines Bauwerkes, die Tragfähigkeit auch bei hohen Temperaturen lange erhalten bleibt.
Die Lokschuppen 1 und 2 sind als Funktionsbauten im Stil der damals zeitgenössischen Industriearchitektur errichtet worden und hatten primär funktionellen Ansprüchen zu genügen, sprich dem Ab- und Unterstellen von Lokomotiven, sowie deren Pflege, Restauration und Reparatur. Die Lokschuppen sind als sog. Ringlokschuppen angelegt, d. h. die einzelnen Stände, also Lokomotiv-Stellplätze in der Lokhalle, sind radial nebeneinander angeordnet und können durch die vor den Einfahrten gelegene Drehscheibe zugänglich gemacht werden. Eine Vielzahl von Lokomotiven und Maschinen können so untergestellt und betreut werden. Durch den ringförmigen Bau ist eine maximale Ausnutzung des vorhandenen Raumes möglich. Die Dachkonstruktionen bestehen aus Stahl und Holzbindern in Form von Dreiecksverbänden mit großen Spannweiten, die eine große Lokhalle darunter überspannen, um ausreichend Platz für die großen Lokomotiven und den daran zu tätigen Arbeiten zu bieten, ohne dass allzu viele Zwischenträger den Raum einengen. Die hohen Innenräume mit der sichtbaren Dachkonstruktion werden durch das, durch die Bogen- und Torfenster einfallende, natürliche Tageslicht erhellt und durch Deckenleuchten ergänzt. Dies verleiht dem weit ausladenden und hohen Innenraum der Lokschuppen damit eine fast gewissermaßen monumentale und atmosphärische Wirkung. Auch wenn die Funktionalität das Primat bei der Errichtung der Lokschuppen hatte („Form folgt Funktion“), waren trotz dessen einige sehenswerte, gestalterische Elemente verbaut worden. Die Eisentore an den Einfahrten der einzelnen Stände sind mit jeweiligen Fenstereinlassungen versehen. Die seriellen Rundbogenfenster oder die sehr großen Rechteckfenster auf der Lokschuppen-Rückseite sorgten für Lichteinlass in die Lokschuppen und formten damit gleichzeitig ein ästhetisch durchaus ansprechendes Gebäude im Stil der Industriearchitektur aus, trotz aller Sachlichkeit, Massivität und der klaren Proportionen. Rollschichten und Gesimse sorgen für Auflockerung und Abwechslung an den sonst großflächigen Außenfassaden.
Zurück zur Gegenwart: Die Dachkonstruktionen der Lokschuppen 1 und 2 sind infolge des ungehinderten Angriffes sämtlicher Wettereinflüsse marode, schadhaft und stellenweise eingestürzt. Damit liegt auch deren Mauerwerk nunmehr vielerorts im Einfluss von Wind, Wetter und damit zwangsläufig von Feuchtigkeit. Der Verfall und das Nachlassen der Stabilität bis zur Einsturzgefahr wird dadurch beschleunigt. Die bereits vor Jahren vollzogene Aufnahme der Gebäude in die Liste der Baudenkmäler bzw. des Denkmalschutzes ist allenfalls eine moralische Beistandsbekundung. Effektiver wären aktive Schutz- und Sicherungsmaßnahmen, um sämtliche der die Erosion unterhaltenden Schadfaktoren von der noch verbliebenen Bauwerksubstanz fernzuhalten, um eine Restauration und damit den Erhalt der Gebäude und damit wichtiger Zeitzeugen der Stadt- und Verkehrsgeschichte der Stadt Stralsund zu gewährleisten. Diese Maßnahmen sind aber sehr kostenintensiv, die Bereitstellung der finanziellen Mittel entsprechend schwierig. Eine Neunutzung der Lokschuppen wäre aber nur so realistisch und möglich. Ideen dafür gibt es bereits viele. Der Förderverein Lokschuppen e. V. Stralsund (FLokS e. V., www.floks-mv.de) ist seit Jahren bestrebt, Ideengeber und Akteure dafür zu finden. Architektur-Studenten der Hochschule Wismar sowie der Hochschule Konstanz haben daraufhin Projektarbeiten angefertigt, in denen Nutzungskonzepte z. B. mit Grünanlagen, Cafés, Skaterparks, Spielplätzen, Sportanlagen, Ruheräumen, Ausstellungsflächen, Konferenzräumen u. v. m. erarbeitet wurden. Der Verein steht zudem in Verbindung mit der Stadt Stralsund und der LEG. Letztere waren und sind wichtige Partner, um das Ziel – die Erhaltung und Neunutzung der Lokschuppen – doch noch realisieren zu können. Die FLokS-Vereinsmitglieder selbst möchten gern einen Teil des Geländes oder eines Lokschuppens als Ausstellungs- und Museumsfläche nutzen, um die Erinnerung an die wertvolle Eisenbahngeschichte der Stadt Stralsund mit Exponaten wach zu halten und erlebbar zu machen.








Thilo Wagner in G&T #94
Fotos: A.Meyen, H.Werner, T.Wagner, FLOKS e. V.
