Das Kaufhaus Philipp Weyergang Sohn

Das Jahr 2006 war das 190. Gründungsjahr der Firma: PHILIPP WEVERGANG SOHN, einem Laden mit Eisen- und Kurzwaren, der zum ersten Stralsunder Kaufhaus wurde. In der Wasserstraße 71/72 hat sich die Kaufmannsfamilie Weyergang ein Denkmal geschaffen, das das Straßenbild prägt. Friedrich Wilhelm Albert, der Sohn des Geschäftsgründers, ließ 1867 ein mit zwei Flügeln am Wallgang (seit 1869 Am Fischmarkt) grenzendes Geschäftshaus in erwelterter Formensprache zu den im Umfeld vorhandenen kleineren Häusern errichten. Es war höher, hatte eine andere Dachform, und die breiten Schaufensteröffnungen in der Wasserstraße ermöglichten es, dem Publikum schon auf der Straße das vorzustellen, was im Inneren zu haben war. Am Wallgang überraschte den Betrachter die Wirkung, die von der Schönheit des Barock-übergiebelten Südflügels und vom Nordflügel mit seinem Erker und einer Putte (nackter kleiner Knabe) mit Merkurstab ausging. In Altstralsund finden wir diesen von einer Putte gehaltenen Merkurstab nur an zwei Fassaden, hier und am Haus Badenstraße 7. Als wieder ein Neubau nötig war, lässt Philipps Enkel, Albert Gustay, im Jahre 1898 von der Baufirma Th.Teichen/E.Dalmer auf dem Nebengrundstück ein bis zur Straße Am Fischmarkt reichendes Haus mit einer gut durchdachten Fassadengliederung errichten. Zaghaft war dieser Kaufmann nicht, und wir sehen, dass sich das auch baukünstlerisch beim eleganten Verbinden beider Baukörper zum ersten Stralsunder Kaufhaus ausdrückte. Die Fassade wird im Erdgeschoss von einer teilweise verkleideten modernen Stahlkonstruktion getragen. Die Schaufenster beider Häuser wurden mit den gleichen Metallprofilen gestaltet, und auch das erste Obergeschoss bekam einen attraktiven Schaufensterbereich. Besonders aufwändigen Schmuck erhielten die Obergeschosse mit den Stuckrosetten, auf denen der Betrachter die PWS-Monogramme, das Gründungsjahr 1816 und das auf Philipp gemünzte Wort ”Begnadet“ enträtselt. Zusammen mit dem
über den Schaufenstern direkt auf den Putz geschriebenen Firmennamen ergab sich für die Straßenfassade eine Firmenwerbung, die sich dem Baukörper harmonisch unterordnete. An der Giebelseite hingegen wurde tief in die Werbekiste gegriffen und über zwei Etagen in großen Werbelettern über einem aufgemalten Kinderwagen das Warenangebot propagiert. Auf diese Weise versuchte man, die tote Brandwand zu kaschieren und gleichzeitig maximalen Werbeeffekt zu erreichen. Bei diesem Haus rechnete das 2. Obergeschoss noch mit der Wirkung des braunen Backsteins. Auch am Giebel, einem spitzen Türmchen und an der Fassade Am Fischmarkt hatte sich der Architekt viel Mühe mit der Veredelung des Ziegelsteins gegeben.
Alle fünf Abschnitte der Fassaden, zwei in der Wasserstraße und drei Am Fischmarkt, in unterschiedlichen Architektursprachen, waren von hohem Werbewert und für die ganze Geschäftswelt bahnbrechend. Sie bildeten eine Sammlung interessanter Einzelbaukunstwerke im Gesamtbild der Altstadt.
Der Krieg, die Nachkriegszeit und nicht zuletzt das Fehlen eines Nachfolgers haben zum Niedergang dieses einst angesehenen Hauses geführt. Die Faszination Kaufhaus war Ende 1952 für immer vorbei. Die Wertesignale dieser Straße; die bis zum 2. Weltkrieg eine lebhaft genutzte Geschäftsstraße mit Gewerbe war, haben sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Abgesehen von Verkehrsgeräuschen wurde
sie immer ruhiger. Durch den Leerstand nach 1996 und nur notdürftig durchgeführten Reparaturen am Dach kam es zu enormen Bauschäden und zu einem tragischen Unfall durch herabstürzendes Mauerwerk.

Wasserstr. 71 Zustand im Jahr 2000

Um die Häuser zu retten und einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, wurden sie nach dem Herbst 1989 von der Treuhand zunächst Familienmitgliedern zum Rückkauf angeboten. Dem mutigen Bauunternehmer Willi Pekran ist für die Rettung dieses einzigartigen Denkmals zu danken. Im Jahr 2000 erwarb er das Grundstück und sanierte es derart, dass Raum für 25 Wohnungen, den,SpielsaIon Phönix‘ und die Gaststätte ’Seewolf‘ geschaffen wurde. Er erweiterte den Häuserkomplex durch einen Neubau. Die Fassaden am Vordergebäude des Kaufhauses erhielten ihre ursprünglichen Formen und Farben bis auf die Schaukästen, die in früheren Zeiten mit Auslagen lockten. An
ihrer Stelle blieben Lücken in den Pfeilern. Sie hätten verkleidet schöner ausgesehen. Das Mansardendach erhielt Gauben an den Stellen, wo es bis zum Sanierungsbeginn nur Dachpfannen aus Glas gab. Wer das Haus noch aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in seiner Erinnerung hat, weiß, dass es hier einmal
Walmgauben mit Hauben gab, die jeweils von einer Kugel gekrönt wurden. Die sichtbarste Veränderung erfolgte an der mittleren Fassade Am Fischmarkt. Wo ehemals ein durch eine Bornbe zerstörter barocker Giebel war, ist jetzt eine Loggia und gleich dahinter wurde ein für dieses mehrgeschossige Haus notwendiger Fahrstuhlschacht gemauert. Zum Glück behielten beide nachbarlichen Fassaden ihre reiche Gestaltung aus der Gründerzeit.

Willi Frankenstein in G&T#36