Das Kloster „St. Jürgen am Strande“

Wer die Mönchstrasse entlang geht entdeckt an den Häusern Nr.40 und 41, gegenüber dem Stralsund Museum, die Inschrift „Kloster St. Jürgen am Strande“. Er fragt sich vielleicht verwundert: wie kommt dieses normale Wohnhaus zu dieser Bezeichnung? Unter einem Kloster stellt man sich eine andere Bauweise vor. Das Kloster ist eine der ältesten und bedeutendsten sozialen Einrichtungen unserer Stadt. Der Ursprung dieses Hauses reicht mehrere Jahrhunderte zurück.

Im Mittelalter wüteten über ein halbes Jahrtausend die Pest und Lepra, eingeschleppt aus dem Orient, in ganz Europa. Auch Stralsund wurde schwer heimgesucht. Etwa 600 Menschen fielen dieser Geißel der Menschheit zum Opfer. Auch Kriege sorgten für die Verbreitung, wie etwa der 30jährige Krieg. Nach der Belagerung durch Wallenstein herrschte eine unvorstellbare Situation in der Stadt. Angstvoll verschanzten sich die Bürger in ihren Häusern, alles Leben erstarb. Die Toten, die überall in den Straßen lagen, wurden auf Karren aus der Stadt gebracht und dort eingescharrt.

Hilfe zu leisten versuchte das 1278 im Stadtbuch erwähnte St. Jürgenhospital. Es befand sich vor den Toren der Stadt und konnte dadurch die Kranken isolieren. Es war dem Heiligen Georg (niederdeutsch Jürgen), dem Drachentöter, gewidmet. Möglichkeit dazu bot die Lage des Hospitals außerhalb der Stadtmauer. Das Stralsunder Pesthaus befand sich in der Kniepervorstadt etwa zwischen dem St. Jürgenfriedhof und dem Strandbad. Durch das Hospitaler Tor am Ende der Mönchstraße (damals Haakstraße) führte der Weg zum Krankenhaus. Am Hospitaler Tor, später abgerissen, befand sich im späteren Reitstall die Verwaltung. Große Verdienste erwarb sich der damalige Bürgermeister Hövener. Er ließ auf eigene Kosten 1348 eine Kirche erbauen und das sogenannte „Langhaus“, das 80 Kranke aufnehmen konnte. Er finanzierte auch die Betreuung und Ernährung der Leidenden. Brand- und Sturmkatastrophen zerstörten 100 Jahre später das Hospital und den Kirchturm. 1547 wurde die Kirche abgerissen. Die Steine wurden wie bei der Gertraudenkirche zum Bau der Befestigungsanlagen verwendet.

St. Jürgen verfügte über einen erheblichen Grundbesitz. Es besaß mehrere Güter auf Rügen, (u. a. Altkamp, Grahlhof). Auch das „Kleine Kloster“ am Kütertor gehörte dazu, wo für Bedürftige kleine Buden gebaut wurden. Daran erinnert noch das Bildnis des Drachentöters über der Tür.

Die Unterbringungsmöglichkeiten waren zu klein geworden. So entstanden die unterschiedlichsten Pläne, die das Problem lösen sollten, die aber wieder verworfen wurden. Schließlich wurde dann ein freies Gelände in der Mönchstraße erworben. Hier wurde ein Neubau errichtet, es entstand das Kloster in den Häusern Nr. 40 und 41. Es wurde nicht mehr als Hospital genutzt, sondern als Wohnstätte für ältere Menschen, hauptsächlich für Frauen. Auf dem Hof befand sich eine Kapelle, die 1926 abgerissen wurde. Einige Ausstattungsstücke befinden sich im Stralsund Museum. Das Kloster als Stiftung wurde 1949 aufgehoben und ging in Stadteigentum über. Nach gründlicher Sanierung dient es heute als Studentenwohnheim. Auch hier befindet sich an der Ecke zum Apollonienmarkt am Hausgiebel die Darstellung des Heiligen Georg.

Ingrid Wähler in G&T #95

Das stattliche Bürgerhaus Badenstr. 15

Das fällt auf: Eine Fassade mit reichen Stuckaturen und goldbeschrifteten Spiegeln – der prunkvolle Anblick sollte für eine Möbel-, Spiegel- und Dekorationsfabrik werben. Die Badenstraße ist eine der schönsten Straßen in Stralsunds Altstadt und das „Mackenthun-Haus“ sticht besonders hervor. In der städtischen Denkmalliste heißt es u. a.: „Die Fassade wurde 1880 mit aufwändigem Stuckdekor erneuert, nämlich Friesen mit Pflanzenornamentik über jedem Geschoß, die in jedem Stockwerk unterschiedlich gestalteten Pilaster zwischen den Fenstern und die barockisierenden Fensterbekrönungen im Erdgeschoß.“ Was weiß man über die Geschichte des Hauses?

Der große Schriftzug „E. Mackenthun Sohn Möbel – Werkstätten“ über der prachtvollen Tür weist auf den Gründer der Werkstatt, den Glasermeister Ernst Mackenthun, hin. Die Werkstatt befand sich im Jahr 1814 zunächst in der Kleinschmiedstraße 23/Ecke Badenstraße. Sein Sohn Gustav kaufte dann 1858 das große Traufenhaus Badenstraße 15, um mehr Platz für die prosperierende Berufsstätte zu haben. Beeindruckend an dem Haus sind auch die gewaltigen Speicherböden, die weiteren Raum für den Betrieb gaben.

Geschichtsträchtig ist zudem die Errichtung des Hauses im Jahr 1710 durch den Apotheker und Gewürzhändler Johann von Ackern: Nämlich auf zwei „wüsten Stellen“, wie man in den Archivakten lesen kann. Vorher standen hier zwei mächtige Giebelhäuser. Sie wurden wohl während der verheerenden Belagerung und Bombardierung durch brandenburgische Truppen 1678 zerstört. Auch durch den dadurch verursachten Stadtbrand fielen fast die Hälfte der Altstadt-Wohnhäuser in Schutt und Asche. Schweden kapitulierte.

Der erste Oberbürgermeister Stralsunds, Tamms, lobte das Geschick Mackenthuns

Nachdem Gustav Mackenthun 1880 gestorben war, würdigte der Ratsherr Tamms, der später der erste Oberbürgermeister der Stadt wurde, die Verdienste des Verstorbenen: „Wo man von industrieller Regsamkeit und Schaffenskraft in Stralsund sprach, da wurde der Name Mackenthun genannt. Mackenthun, ausgehend von der Glaserei, Spiegelfabrikation und Vergolderei, bezog bald ganze Gebiete der Hauseinrichtung in seine Tätigkeit ein. Von seinem Kunstsinn geben manches Haus in unserer Stadt, manche Herrensitze in der Umgebung Zeugnis.“

Aufgrund der schwierigen Inflationszeit nach dem ersten Weltkrieg musste die Familie das Haus „für 25.000 Zentner Roggen“ an die Stadt verkaufen. Danach mieteten Polsterermeister Albert Schröder und Heinz Teichen das Anwesen; in den 60er Jahren übernahm der staatliche Betrieb HO-Industriewaren den Betrieb.

Nach der Wende, Mitte der 90er Jahre, sanierte der neue Eigentümer Claus Zeschmann das Haus. Sein tüchtiger Bauleiter Sven Kleinert äußerte damals: „Der Gesamteindruck des Bürgerhauses, das aufgrund der Umbauten in seiner langen Geschichte ein Sammelsurium von Stilelementen aufweist, soll erhalten werden.“ Das unterstützte auch Restaurator Joachim-Paul Gürke. Die Sanierung förderte u. a. die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und das Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“ e. V. Der überaus fachkundige Gemälde-Restaurator Wewezer residiert im Erdgeschoss.

Zwei „wilde Männer“ sind Wappenhalter

Einer unbedingten Erwähnung bedarf das sich über der Eingangstür befindliche Wappen aus Zinkguss. Bei dem Wappen handelt es sich um das des Königreichs Preußen: Nämlich weil es in der Badenstraße 15 im 19. Jh. ein preußisches Konsulat gab und Mackenthun zudem Hoflieferant war. Das Wappen wird von zwei sog. „wilden Männern“ mit Lendenschurz und Keulen gehalten. Aber warum zwei „wilde Männer“?

Sie sollten wohl mit ihrer optisch sichtbaren Kraft die Stärke des Preußischen Königshauses symbolisieren. „Wilde Männer“ als Allegorie können für vieles stehen, z. B. Ungezügeltheit, ausgestattet mit Zauberkräften. Mit der Entwicklung der preußischen Bergbaugebiete wandelte sich das Bild des im Bergwald lebenden „wilden Mannes“: Er wird zu einem positiven Symbol des Reichtums, den die Bergleute aus der Natur gewinnen können. Und reich an Dank kann Stralsund darüber sein, dass es gelang, dieses prachtvolle Bürgerhaus so gekonnt zu erhalten und zu sanieren.

Arnold von Bosse in G&T#95

Das Kloster Mariakron

Wohl jeder kennt die beiden großen Klöster in Stralsund, das ehemalige Franziskanerkloster St. Johannis in der Schillstraße und das Dominikanerkloster St. Katharinen in der Mönchstraße. Weniger bekannt ist das ehemalige Brigittinenkloster Mariakron. Es befand sich außerhalb der Stadtmauern am nördlichen Ende des Jungfernstiegs, zwischen der heutigen Mariakronstraße, der Ketelhotstraße und dem Carl-Heydemann-Ring. Historisch belegt ist der Name Jungfernstieg, dieser erscheint schon 1427 als „Jungfrauenstieg“ – der Weg, der zum Kloster führt.

In dem genannten Bereich befand sich seit 1350 ein Kirchhof und die Maria-Magdalenen-Kapelle, welche später abgerissen wurde, da sie sich als zu klein für das 1421 gegründete Kloster erwies. Das Kloster geht zurück auf die heilige Brigitta von Schweden, die 1346 das Urkloster der Brigittinen Vadstena am Vätternsee errichtete. Die Stadt Stralsund stellte den Bauplatz am Moorteich zur Verfügung. Von den Bürgern wurde das Kloster durch etliche Stiftungen und Sachspenden unterstützt. Für eine neue Kirche wurde 1446 der Grundstein gelegt und das Ereignis mit großem Prunk gefeiert.

Mariakron war ein Doppelkloster. In einem Teil lebten die Nonnen, in einem anderen die Mönche. Die Wohnbereiche waren durch eine Mauer getrennt. Es gab eine gemeinsame Küche. Gekocht wurde von den männlichen Bewohnern und durch eine „Rolle“, heute würde man es wohl Durchreiche nennen, wurde das Essen zum weiblichen Teil der Bewohner gebracht.

Nördlich der Kirche lag der Doppelbau des Klostergebäudes, südlich befand sich, streng getrennt der Hof der Mönche und Priester. Zum Kloster gehörte auch ein umfangreicher Friedhof für Arme und Hingerichtete, der sich bis zur heutigen Friedrich-List-Straße erstreckte, der noch 1733 im Festungsplan der Stadt Stralsund erwähnt wurde. Hier fand z. B. die bekannte Kindesmörderin Maria Flint ihre letzte Ruhe.

Wie hat man sich kleidungsmäßig die damaligen Klosterbewohner vorzustellen? Die Nonnen waren mit grauem Rock und Mantel bekleidet, trugen auf dem Kopf eine Krone aus weißen Leinenstreifen und einen schwarzen Schleier. Rote Flecken sollten die Wundmale von Jesus Christus darstellen. Auch die Brüder trugen graue Röcke und Mäntel mit roten Kreuzen für die Priester.

Zur Zeit der Reformation 1525 brach über das Kloster das Unheil herein. Die aufgebrachten Volksmassen die schon St. Nicolai und St. Johannis verwüsten hatten, machten auch vor Mariakron nicht halt.

In ihrer Zerstörungswut zertrümmerten sie Bildwerke, verwüsteten die Unterkünfte, die Hallen und verbrannten Altäre. Die Mönche wurden aus der Stadt verwiesen, die Nonnen wurden umgesiedelt und fanden lebenslange Unterkunft im Katharinenkloster.

Danach wurde das Mariakronkloster abgetragen und die Klosterformatsteine für andere Zwecke, unter anderem für den Festungsbau, verwendet. Nach der Reformation wurden die beiden Klöster St. Annen- und St. Brigitten (Mariakron) zusammengelegt. Auch dieses Gebäude gibt es noch in der Schillstraße, dem heutigen Ordnungsamt.

Es gab leider keine vollständige bildliche und zeichnerische Darstellung vom Kloster. Lediglich ein Teildarstellung hat sich im Stralsund Museum erhalten.

Teildarstellung Kloster Mariakron (Stralsund Museum – Digitalbearbeitung: H.W.)

Umso interessanter war die Tatsache, dass man 1931 beim Bau der Ketelhotstraße Fundamente des einstigen Klosters fand.

1956 wurden bei archäologischen Ausgrabungen Reste der ehemaligen Kapelle, ein Klostersiegel und weitere Artefakte entdeckt. Rätselhaft bleibt, woher die Knochen der kleinen Kinder stammen, die dort gefunden wurden.

Ingrid Wähler in G&T#94

Der Pferdekopf

An der nördlichen schmalen Seite der Arkadenhalle im Rathause zu Stralsund, oben unter dem Friese zwischen den Bogenfenstern befindet sich, zierlich in Stein gemeißelt, der Reliefkopf eines gezäumten Pferdes. Unter demselben stehen die Buchstaben HAS. Welches ist nun die eigentliche Bedeutung des Pferdekopfes und der ihn begleitenden Buchstaben HAS? Als in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Teil des oberen Geschosses im Rathause ausgebaut wurde, ließen die Bürgermeister, unter deren Regimente der Bau ausgeführt wurde, und, wie es scheint, auch die Bauherren d.h. die vom Rate deputierten Ratsherren, welche die städtischen Bauten zu leiten hatten, ihre Geschlechtswappen an den neugeschaffenen Bauteilen anbringen. Ein Teil, und wahrscheinlich der größere Teil dieser Wappen, ist schon in dem großen Brande von 1680, ein anderer Teil erst in neuerer Zeit, im Jahre 1865, untergegangen. Als es sich im Frühlinge des letztgenannten Jahres darum handelte, im Rathause Festsäle zur Feier der fünfzigjährigen Vereinigung Neuvorpommerns mit der preußischen Krone zu schaffen, und zu dem Zwecke die recht wüst aussehenden Räume vor dem großen Rathaussaale (dem sogenannten Löwenschen) in ihrer jetzt bestehenden Gestalt hergestellt wurden, war man gezwungen, eine hübsch in Renaissance aus Sandstein gearbeitete Thüreinfassung zu beseitigen, welche an jedem jedem ihrer beiden Seitenpfeiler übereinander zwei wohlgemeißelte Wappen trug. Es waren die Wappen der vier Bürgermeister, welche in den Jahren 1579 bis 1581 das Konsulat gebildet hatten, nämlich Joachim Klinckow’s, Joachim Ketel’s, Melchior Prütze’s und Bartholomäus Sastrow’s, und es wird sich aus dieser Zusammenstellung schließen lassen, daß in den genannten drei Jahren jener Ausbau ausgeführt ist. Wie diese vier, sind nun auch andere Steine, wir wissen nicht, wie viele, welche die Wappenschilder der Bauherren trugen und deren Thätigkeit in der Erinnerung bewahrten, im Rathause angebracht gewesen, in dem Brande von 1680 aber, wie gesagt, untergegangen, so daß wir als das einzige Denkmal der Art nur noch den Pferdekopf übrig haben. Der aufgezäumte Pferdekopf nun ist das Wappenbild des alten stralsundischen Geschlechtes Schwarte, und diesem Geschlechte gehört der Mann an, auf welchen die Initialen HAS deuten. Er ist „Herr Arnd Schwarte“, der bekannteste seines Stammes, der sich ein dauerndes Andenken durch die Stiftung gesichert hat, welche nach ihm „Arnd Schwartes Gang“ heißt und gegenwärtig zur lebenslänglichen Aufnahme alter treuer Dienstmädchen bestimmt ist. Arnd Schwarte ist 1593 als Kamerarius gestorben. Wenn zur Zeit, da er Bauherr war, und wenn unter seiner Leitung, wie sein Wappen an der Stelle anzudeuten scheint, die hübsch stilisierten und fein gegliederten Fensterbogen ausgeführt sind, so muß man sagen, daß er ein Mann von Geschmack war, wie die seinen Namen tragende Stiftung für sein Herz spricht.

Rudolph Baier (1902) zitiert aus dem 7. Stralsunder Heimatbrief 1982