Der Pferdekopf

An der nördlichen schmalen Seite der Arkadenhalle im Rathause zu Stralsund, oben unter dem Friese zwischen den Bogenfenstern befindet sich, zierlich in Stein gemeißelt, der Reliefkopf eines gezäumten Pferdes. Unter demselben stehen die Buchstaben HAS. Welches ist nun die eigentliche Bedeutung des Pferdekopfes und der ihn begleitenden Buchstaben HAS? Als in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts ein Teil des oberen Geschosses im Rathause ausgebaut wurde, ließen die Bürgermeister, unter deren Regimente der Bau ausgeführt wurde, und, wie es scheint, auch die Bauherren d.h. die vom Rate deputierten Ratsherren, welche die städtischen Bauten zu leiten hatten, ihre Geschlechtswappen an den neugeschaffenen Bauteilen anbringen. Ein Teil, und wahrscheinlich der größere Teil dieser Wappen, ist schon in dem großen Brande von 1680, ein anderer Teil erst in neuerer Zeit, im Jahre 1865, untergegangen. Als es sich im Frühlinge des letztgenannten Jahres darum handelte, im Rathause Festsäle zur Feier der fünfzigjährigen Vereinigung Neuvorpommerns mit der preußischen Krone zu schaffen, und zu dem Zwecke die recht wüst aussehenden Räume vor dem großen Rathaussaale (dem sogenannten Löwenschen) in ihrer jetzt bestehenden Gestalt hergestellt wurden, war man gezwungen, eine hübsch in Renaissance aus Sandstein gearbeitete Thüreinfassung zu beseitigen, welche an jedem jedem ihrer beiden Seitenpfeiler übereinander zwei wohlgemeißelte Wappen trug. Es waren die Wappen der vier Bürgermeister, welche in den Jahren 1579 bis 1581 das Konsulat gebildet hatten, nämlich Joachim Klinckow’s, Joachim Ketel’s, Melchior Prütze’s und Bartholomäus Sastrow’s, und es wird sich aus dieser Zusammenstellung schließen lassen, daß in den genannten drei Jahren jener Ausbau ausgeführt ist. Wie diese vier, sind nun auch andere Steine, wir wissen nicht, wie viele, welche die Wappenschilder der Bauherren trugen und deren Thätigkeit in der Erinnerung bewahrten, im Rathause angebracht gewesen, in dem Brande von 1680 aber, wie gesagt, untergegangen, so daß wir als das einzige Denkmal der Art nur noch den Pferdekopf übrig haben. Der aufgezäumte Pferdekopf nun ist das Wappenbild des alten stralsundischen Geschlechtes Schwarte, und diesem Geschlechte gehört der Mann an, auf welchen die Initialen HAS deuten. Er ist „Herr Arnd Schwarte“, der bekannteste seines Stammes, der sich ein dauerndes Andenken durch die Stiftung gesichert hat, welche nach ihm „Arnd Schwartes Gang“ heißt und gegenwärtig zur lebenslänglichen Aufnahme alter treuer Dienstmädchen bestimmt ist. Arnd Schwarte ist 1593 als Kamerarius gestorben. Wenn zur Zeit, da er Bauherr war, und wenn unter seiner Leitung, wie sein Wappen an der Stelle anzudeuten scheint, die hübsch stilisierten und fein gegliederten Fensterbogen ausgeführt sind, so muß man sagen, daß er ein Mann von Geschmack war, wie die seinen Namen tragende Stiftung für sein Herz spricht.

Rudolph Baier (1902) zitiert aus dem 7. Stralsunder Heimatbrief 1982