Ein Denkmal voll menschlichen Leidens gegen Terror und Krieg
Wer durch die Stralsunder Altstadt bummelt, der wird sicherlich nicht am Johanniskloster vorbeikommen, ohne es zu besichtigen. Das Johanniskloster wurde im Jahre 1254 gegründet. Bis 1525 bewohnten es Franziskanermönche. Heute ist in den Klosterräumen eine Archivbibliothek mit mehr als 100 000 Bänden untergebracht. Besonders sehenswert ist der Rosengarten, der Räucherboden, der Kreuzganghof und der wieder aufgebaute Chor der Kirche.
Mutter mit Sohn ist Blickfang
Bereits nachdem der Besucher die Pforte durchschritten hat, wird sein erster Blick auf eine übermannshohe Plastik die Pietà“ gleiten. Mit diesem Werk nach Vorlagen von Ernst Barlach möchten wir Sie heute ein wenig näher bekannt machen.
Barlach beschrieb die Leiden der Menschen
Am 2. Januar 1870 wurde Barlach als Sohn eines Arztes in Wedel (Holstein) geboren. Als Bildhauer und Grafiker war er ein konsequenter Verfechter des bürgerlichen Humanismus. Er sah die Leiden der Menschen, die er in Bildwerken und Grafiken ergreifend darstellte. Bauern, Bettler, Arme, Trostsuchende waren die Vorbilder für seine großartig, spannungsvollen, expressiven Holz- und Bronzeplastiken.
1910 kam Barlach nach Stralsund
Stralsund lernte Ernst Barlach im Jahre 1910 kennen. Später – 1931 – beteiligte er sich an einem ausgeschriebenen Wettbewerb zur Errichtung eines Ehrenmals für die Gefallenen des ersten Weltkrieges. Dazu kam er wiederholt nach Stralsund. Seine Ausarbeitung mehrerer Entwürfe ging soweit, daß entsprechende Plätze zur Aufstellung des Ehrenmals, so an der heutigen Strandpromenade, in der Nähe des Tribseer Damms und im Johanniskloster bestimmt wurden.
Zwölf Architekten am Entwurf beteiligt
An die zwölf Architekten und Bildhauer beteiligten sich an der Ausschreibung. Zu jener Zeit war Barlach bereits über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. Aus politischen Gründen wurden die Entwürfe von der Prüfungskommis-sion abgelehnt. Seine Arbeiten waren nicht heroisch ausgelegt. Auf seinen Skizzen war eine Mutter zu sehen, die auf ihrem Schoß den im Krieg getöteten Sohn hält.
Anläßlich der fünfzigjährigen Wiederkehr des Todestages von Ernst Barlach, der am 24. Oktober 1938 verstarb, wurde durch den Stralsunder Bildhauer Peter Jaeger der Entwurf Realität und steht heute im Johanniskloster an der Stelle, welche Barlach dafür erdacht hatte.
Die Bronzeplastik in Form eines Kreuzes zählt zu jenen realistischen Darstellungen, die Parallelen zum Originalschaffen von Barlach zulassen (siehe auch seine Arbeit Güstrower Ehrenmal, Bronze im Dom zu Güstrow).
Text und Foto: B. Stern am 30.11.1990 in Ostsee-Zeitung
