Es antwortet der Amtsleiter Schule und Sport (Timo Viecens)
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Radtke,
Zu eins, das Konzept wurde innerhalb der Verwaltung eingehend geprüft, umfassend erörtert und unter Berücksichtigung der maßgeblichen Belange sorgfältig abgewogen. Darüber hinaus wurde das Konzept im Ausschuss für Kultur und im Ausschuss für Bau, Umwelt, Klimaschutz und Stadtentwicklung zur Beratung und Erörterung vorgestellt.
Zu zwei, das Johanniskloster, ein ehemaliges Franziskanerkloster, gehört gemeinsam mit dem ehemaligen Dominikanerkloster St. Katharin zu den Stralsunder Bettelordensklöstern. Das Kloster wurde 1254 gegründet. Nach der Reformation wurde der nördliche Teil der Anlage in eine städtische Unterkunft für ältere Menschen umgewandelt, während im straßenseitigen Bereich die kirchliche Nutzung beibehalten wurde.
Die Klosterkirche des Johannisklosters wurde bereits 1624 durch einen Brand zerstört. Der erhaltene Chor wurde anschließend als kleine Johanniskirche weitergenutzt. Im Bereich des zerstörten Kirchenschiffs entstand ein von einem Kreuzgang gefasster Friedhof. Im Zweiten Weltkrieg wurden sowohl dieser Hof als auch der als Kirche genutzte Chor weitgehend zerstört. Erhalten blieben im Wesentlichen die Umfassungsmauern.
Für die heutige Betrachtung der Pietà ist insbesondere die historische Nutzung des ehemaligen Kirchenschiffs von Bedeutung. Ernst Barlach kannte noch den dort angelegten introvertierten Friedhof mit seinen Laubengängen vor der kleinen Johanniskirche. In diesem Zusammenhang entstand die Vorstellung, seine Pietà in diesem Umfeld aufzustellen.
Professor Dr. Gering formulierte 1932 gegenüber Ernst Barlach den Gedanken, dass die Plastik an diesem Ort dem stillen Gedenken an die Toten dienen könne. Zugleich sollte der Platz zur Einkehr und zum Innehalten anregen und auch für größere Gedenkveranstaltungen geeignet sein. Die heutige Situation unterscheidet sich wesentlich von den damaligen Rahmenbedingungen.
Die historischen Laubengänge sind nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder hergestellt worden. Das Johanniskloster soll in Zukunft wieder als räumliche Einheit entwickelt werden mit einem Hauptzugang in der Achse der Külpstraße. Damit verbunden ist eine regelmäßige Nutzung des Hofsbereichs als Foyer bzw. Entrée, die mit der ursprünglichen Funktion eines stillen Gedenkortes nicht uneingeschränkt vergleichbar ist.
Für die Pietà ergeben sich daraus konkrete Fragen hinsichtlich ihrer Präsentation und ihres Schutzes. Bei Veranstaltung wird die Plastik derzeit entweder abgedeckt oder offen im Veranstaltungsbereich belassen. Beide Varianten sind mit Nachteilen verbunden. Bei einer Abdeckung ist die Pietà für die Dauer der Veranstaltung nicht wahrnehmbar. Bei einer offenen Präsentation besteht dagegen die Gefahr, dass der Sockel der Plastik als Ablage oder Abstellfläche genutzt wird. Zudem steht die Darstellung der Trauernden bei Veranstaltung in einem deutlichen Spannungsverhältnis zum jeweiligen Veranstaltungsgeschehen. Aufgrund der filigranen und fragilen Ausführung der Plastik ist darüber hinaus ein angemessener Schutz vor unbeabsichtigten Beschädigungen jederzeit sicherzustellen.
Vor diesem Hintergrund ist die Frage nach einem geeigneten dauerhaften Standort der Pietà im Zusammenhang mit dem bestehenden und in Entwicklung befindlichen Nutzungskonzepten zu betrachten. Für das Johanniskloster und das Katharinenkloster werden seit mehreren Jahren Nutzungskonzepte entwickelt und ständig fortgeschrieben.
Diese Konzepte werden regelmäßig den zuständigen Ausschüssen vorgestellt und dort beraten. Auch das Nutzungskonzept für die Höfe des Katharinenklosters wurde den zuständigen Ausschüssen bereits vorgestellt und erläutert. Im Rahmen dieser Überlegung bietet sich eine Verlagerung der Pietà in die Höfe des Katharinenklosters als eine zu prüfende Option an.
Ein solcher Standort würde die Plastik aus dem unmittelbaren Veranstaltungsbetrieb des Johannisklosters herauslösen und zugleich einen räumlichen Zusammenhang schaffen, der ihrem Charakter als Gedenkplastik besser Rechnung tragen kann. Darüber hinaus würde die Pietà dort in einen kunst- und kulturhistorischen Zusammenhang mit weiteren bedeutenden Plastiken von Kolbe und Seitz gestellt.
Für diese Überlegung liegen entsprechende wissenschaftliche Untersuchung und Veröffentlichung zugrunde. Bei der weiteren Standortentscheidung sind daher insbesondere drei Gesichtspunkte gegeneinander abzuwägen: die historische und inhaltliche Bedeutung der Pietà als Gedenkplastik, die Anforderung an ihren dauerhaften Schutz sowie die gegenwärtige und künftige Nutzung der jeweiligen Klosteranlage.
Die Prüfung einer Verlagerung stellt dabei keine Abkehr von der historischen Bedeutung des Johannisklosters als Ort des Gedenkens dar. Vielmehr geht es darum, für die Pietà einen Rahmen zu schaffen, in dem ihre Funktion als Gedenkplastik dauerhaft angemessen zur Geltung kommt und gleichzeitig auch ihrem Schutzrechnung getragen wird.
Einbindung des Welterbebeirats. Die Pietà selbst ist nicht Bestandteil des UNESCO Welterbes. Eine mögliche Veränderung ihres Standortes hat nach derzeitiger Einschätzung auch keinen unmittelbaren Einfluss auf das äußere Erscheinungsbild des als Welterbe geschützten baulichen Ensembles. Insbesondere ist keine bauliche Veränderung des Welterbebestandes mit der Verlagerung der Plastik verbunden. Aus diesem Grund wurde eine zwingende Beteiligung des Welterbebeirats nicht gesehen. Unabhängig davon steht einer Befassung des Welterbebeirats mit der Fragestellung nichts entgegen.
Zu drei: Die Pietà ist im Johanniskloster derzeit nicht zuverlässig zugänglich. Im Katharinenkloster des Stralsund Museums wäre sie hingegen im Sommer an 7 Tagen in der Woche kostenfrei für die Öffentlichkeit zugänglich.
Am derzeitigen Aufstellungsort kommt die Plastik zudem nicht in ihrer ganzen Wirkung zur Geltung. Sie wurde ursprünglich für einen kleineren Raum geschaffen. Auch die in den 1980er Jahren realisierte Vergrößerung kann daran nichts Grundlegendes ändern. Das Johanniskloster soll künftig zu einem Ort für Feste und Veranstaltungen entwickelt werden. Vor diesem Hintergrund erscheint die Präsentation einer Mutter, die um ihr Kind trauert bzw. es unter Tränen opfert, an diesem Ort nicht passend. Eine Aufstellung der Pietà im Zusammenhang mit der Plastik von Kolbe, der das Johanniskloster ebenfalls als möglichen Aufstellungsort vorgesehen hatte, sowie mit der Plastik von Seitz, die Käthe Kollwitz zeigt, würde hingegen neue inhaltliche Bezüge ermöglichen. Die Werke könnten auf zwei Katastrophen des 20. Jahrhunderts verweisen. Zugleich eröffnet die gemeinsame Präsentation eine weitere Lesart. Sie könnte die Zerrissenheit von Künstlerinnen und Künstlern im Nationalsozialismus thematisieren. Diese historische Dimension gilt es darzustellen und auch zur Diskussion zu stellen.
Kolbe, Barlach und Käthe Kollwitz standen sich dabei keineswegs unversöhnlich gegenüber. Im Gegenteil, sie kannten sich, standen miteinander im Austausch. Eine gemeinsame Präsentation ihrer Werke könnte daher auch die persönlichen und künstlerischen Verbindungen zwischen ihnen sichtbar machen. Nicht zuletzt bietet das Katharinenkloster den Vorteil, dass die Pietà dort zugleich geschützt und öffentlich zugänglich wäre.
In den vergangenen Jahren haben Diebstähle bzw. Diebstahlversuche an Kunstwerken im öffentlichen Raum zugenommen. Im Katharinenkloster ließe sich dieses Risiko deutlich minimieren. Erst kürzlich wurde beispielsweise in Lauterbach versucht, eine Plastik von einem Friedhof zu entwenden.
Zur weiteren Abwägung über den Verbleib der Pietà soll ein Workshop stattfinden, in dem die verschiedenen Aspekte und möglichen Perspektiven gemeinsam erörtert werden.
Zu gegebener Zeit wird es eine entsprechende Vorlage zur Entscheidung durch die Bürgerschaft geben.
Vielen Dank.
1) Sachstand und geplante Verlagerung der Barlach-Pietà am Johanniskloster; Einreicher: Jens Radtke, AfD Fraktion; Vorlage: kAF 0106/2026
- Welchen konkreten Planungs- und Entscheidungsstand gibt es hinsichtlich einer Verlagerung der Barlach-Pietà vom Johanniskloster in das Stralsund Museum, und wer hat hierzu bislang welche Entscheidungen getroffen oder vorbereitet?
- Welche fachlichen, denkmalpflegerischen und kunsthistorischen Stellungnahmen liegen zur Bedeutung des heutigen Standortes am Johanniskloster sowie zu den Auswirkungen einer Verlagerung vor, und welche Gremien, insbesondere der Welterbebeirat, wurden bislang beteiligt?
- Aus welchen konkreten Gründen wird eine Verlagerung in das Stralsund Museum erwogen, welche Alternativen zum Umzug wurden geprüft und ist vorgesehen, die Bürgerschaft vor einer endgültigen Entscheidung zu beteiligen?
Transkription aus der Live-Übertragung der Bürgerschaft vom 8.10.26
