Der Dänholm


Kornfelder, Kaffeefahrten & Kasematten

Mit der Insel Dänholm im Strelasund ist bei vielen in Stralsund Wohnenden und auch bei vielen Nicht-Stralsundern der Begriff „Militär“ verbunden. Länger als eineinhalb Jahrhunderte war das Eiland durch die Präsenz von Streitkräften unterschiedlicher Couleur geprägt.

Die nach der Übergabe von Schwedisch-Pommern und Rügen ab 1815 entstehende Preußische Marine, die Reichsmarine und schließlich die Volksmarine haben den gewachsenen Charakter des Dänholms bestimmt und Baulichkeiten unterschiedlichster Art hinterlassen. Viele davon stehen unter Denkmalschutz: In dreizehn Positionen sind Einzelgebäude, Bauensembles, Hafen- und Befestigungsanlagen in der Amtlichen Denkmalliste der Hansestadt Stralsund erfasst.

Seit 1990 ist der Dänholm „militärfrei“. Die Deutsche Marine, anfänglich Bundesmarine, hatte sich nicht zum Dänholm als Standort bekannt und bei Parow eine kleine Stadt gebaut, wo vor 1990 eine Hubschrauberstaffel der Volksmarine stationiert war. Ein Helikopter von dort ist im Marinemuseum zu besichtigen.

Wie sah der Dänholm vor der „Militarisierungsperiode“ aus?

Bekanntlich waren Städte im Mittelalter üblicherweise befestigt, Stadtmauern, Stadttore und vorgelagerte Wehranlagen boten Schutz vor Angriffen.

In Stralsund wurde nach der Abwehr einer Eroberung der Stadt durch die kaiserlichen Truppen unter Wallenstein ein besonderes Augenmerk auf die Stadtbefestigung gelegt. 1629 hatte das Königreich Schweden die Vorherrschaft über Stralsund gewonnen, war mit fast 5.500 Mann Fußvolk und 225 Reitern in der Stadt präsent und hatte größtes Interesse am Ausbau der Befestigungsanlagen. (Horst Auerbach „Festung und Marinegarnison Stralsund“, Rostock 1999) Unter Leitung schwedischer Fortifikationsoffiziere wurden neuzeitliche Bastionen gebaut. Auf dem besonders exponierten Dänholm entstand ein Fort direkt am Nordufer. Dieses ist auch im „Staude-Plan“ zu sehen, der bekannten, minutiös gearbeiteten Ansicht Stralsunds von 1647. Hier waren allerdings nur vier Bastionen dargestellt, später hatte die sternförmig ausgebaute Schanze fünf Bastionen.

Der Dänholm wurde somit einerseits früh zu einem wichtigen Vorposten der Stadtbefestigungsanlagen, die Stralsund zu einer Festung werden ließen. Gleichzeitig wurden hier Flächen für Getreideanbau und Viehzucht verpachtet zur Versorgung der Stadt.

Nach der Besetzung Stralsunds durch die Truppen Napoleons wurden die Festungsanlagen geschleift. Die zivile Nutzung des Dänholms wie auch der Gebiete der späteren Vorstädte nahm zu.

Ab 1814 gehörte Pommern zum Machtbereich des Preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Die Preußen erklärten Stralsund wieder zur Festung und ließen die alten Wälle, Mauern und Bastionen wiederherstellen und errichteten neue. Der Dänholm behielt im Verteidigungssystem der Festung seine bisherige Bedeutung. Es entstanden zwei Schanzen. Zur Sicherung der Überfahrt von der Stadt zum Dänholm wurde in der Frankenvorstadt die Brückenschanze errichtet.

Daneben wurden an den Ufern der Insel kleine, halbkreisförmige Schanzen, sogen. Lünetten als Stellungen von Kanonen gebaut.

Das alles war kein Grund für die Stralsunder Bürgerinnen und Bürger, den Dänholm nicht weiterhin als Ausflugsziel zu nutzen. Es kam sogar dazu, dass ein Pächter dort eine Gaststätte betreiben konnte.

In der Stralsundischen Zeitung vom 3. August 1816 ist zu lesen: „Der heute Sonnabend, den 3ten August, als am Geburtstage seiner Majestät , unseres allergnädigsten Königs und Herrn, der Dänholm auf Kosten Sr. Excellenz, des Herrn General Lieutenants und Gouverneurs von Engelbrechten, illuminiert seyn wird: so zeige ich als solches hierdurch an, wie auch, daß ich meinerseits für Musik und Local zum Tanz und Erfrischungen Sorge tragen werde.

Vor allem die Wallensteintage waren Anlass für „Dänholmfahrten“. In den 1830er Jahren wird in der Sundine wie auch in der Stralsundischen Zeitung wiederholt von fröhlichem Volkstreiben, von Konzerten u.a. des Musik-Korps der Artillerie berichtet.

In der Sundine Nr. 31 von 1840 wird als Bericht vom Wallensteinfest geschrieben: „ . . .Die Volksfeier, wozu insbesondere die Umsegelung der Dänholm=Insel gehört, auf welcher letzteren an diesem Tage mehr Menschen, als sonst das ganze Jahr hindurch zusammenkommen, und woselbst in diesem Jahr, unter der Leitung des Herrn Stadt=Musik=Direktors Fischer, ein gut besetztes Instrumental=Concert ausgeführt wurde, fand im Punkte des Besuches auch diesmal die alte Teilnahme.

Eine Besonderheit der Befestigungsanlagen sind die Kasematten in der Sternschanze.

Kasematten

Sie werden aus Räumen und Gängen gebildet, die mit außerordentlich massiven Fundamenten, Wänden und Decken in die Wallanlagen integriert wurden. Durch Erdüberdeckung und Begrünung, d.h. mittels Grasnarbe und niedriger Gehölze sind die Kasematten perfekt getarnt und von der Seeseite, also vom Strelasund aus, nicht auszumachen. Ihre Bauweise bot Schutz vor Kanonenbeschuss. Die Kasematten, die nur von der Landseite mit Fenstern und Türen versehen waren, dienten u.a. als Magazin für Munition und Schießpulver sowie als sichere Aufenthaltsorte für die Mannschaften, die den Dänholm vor anrückenden Streitkräften zu verteidigen hatten.

Die Räume haben Gewölbe aus massivem Ziegelmauerwerk, teils auch flache Deckenkonstruktionen. Hier wurden große Doppel-T-Träger aus Stahl dicht nebeneinander auf die tragenden Querwände gelegt und darauf eine fast einen Meter dicke Betonplatte gebaut.

Derartige Baukonstruktionen sind selten noch so gut erhalten wie die in Stralsund. Einige der Kasematten sind nicht zu besichtigen, weil bewohnt: Fledermäuse. Die übrigen Kasematten sind ebenfalls nicht zu besichtigen, obwohl sie direkt am Marinemuseum liegen und einen herausragenden, authentischen Teil der Ausstellung bilden könnten. Grund: Keine Fledermäuse (noch), aber ein behördlich gesperrter Zugang.

Gang in den Kasematten

Die Treppe wurde vor Jahren durch den Förderverein Marinemuseum in Eigenleistung gebaut und weist nicht mehr die heute geforderte Verkehrssicherheit auf.

Den wesentlichen Impuls für die Entwicklung des Dänholms von der strategisch befestigten Speisekammer Stralsunds und Insel der Ausflüge und Erholung zum Synonym für „Militär“ war der Verkauf der Insel im Jahr 1849 an den königlichen Militärfiscus, vertreten durch das Kriegsministerium in Berlin.

Die Stadt Stralsund konnte sich über die Einnahme von 15.000 Thalern freuen und sah durch die Zweckbindung des Verkaufs förderliche Impulse auf die städtische Wirtschaft sowie auf das Bauhandwerk zukommen: Der Deal war an die Bedingung der Anlegung eines Hafens für Kriegsfahrzeuge gebunden.

Diese Bedingung verursachte kein Zögern oder Zaudern, sondern das ganze Gegenteil:
1850 waren bereits Marine-Etablissements in Form von Mannschaftsunterkünften im Bau und gleichzeitig wurden zwei Schuppen-Gebäude mit beachtlichen Dimensionen für Kanonenboote errichtet: Die Breite beträgt 73 m, die Gebäudetiefe misst 45 m, die überbaute Fläche war mehr als 3.200 m² groß. Das musste in deutschen Landen erstmal seinesgleichen finden!

Schon 1851 war der Marinehafen auf dem Dänholm fertiggestellt! Einer der Schuppenbauten ist erhalten und als geschütztes Einzeldenkmal in der Denkmalliste der Hansestadt Stralsund eingetragen.

Der allgemein als Kanonenbootschuppen bezeichnete Bau besteht eigentlich aus fünf Doppelschuppen, die nebeneinander gereiht die beachtliche Breite von 73,35 Metern auf dem flach abgeböschten Nord-Ost-Ufer des Marinehafens einnehmen. Die Tiefe der Schuppenanlage beträgt ca. 45,35 Meter, was das Aufschlippen und unter Dach stellen, sowie die Pflege von Schaluppen oder Jollen ermöglicht.

Aus massivem Granitstein-Mauerwerk bestehen die tragenden Mauern, die als Querwände zwischen den einzelnen Schuppen stehen. Auf diesen ruht die Fachwerk-Konstruktion des Gebäudes.

Doppelte Hängewerke, baukonstruktiv meisterhaft angeordnet, ermöglichen große Toröffnungen an der zum Hafen gerichteten Fassade und vor allem stützenfreie Innenräume. Lediglich die tragenden Querwand-Konstruktionen ohne Ausfachungen, bestehend aus Stützen mit Kopfstreben, gliedern den Innenraum wie Schotten den Bauch eines großen Schiffes.

Die flach geneigten Satteldächer der Doppelschuppen weisen eine besondere, sehr selten anzutreffende Raffinesse auf: Die fast 50 m langen Firste resp. Dachkehlen und Traufen verlaufen nicht in einer Linie, sondern sind in ihrer Mitte abgeknickt. Somit kann die Ableitung des Regenwassers in zwei Richtungen erfolgen. Die einzelnen Dachflächen sind nicht rechteckig, sondern rhomboid, bilden also Parallelogramme.

Auch dieser Umstand ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Bauwerks und begründet seinen Denkmalwert in baugeschichtlicher Hinsicht.

Martin Muschter in G&T#93 Förderverein Marinemuseum