Der Dänholm


Kornfelder, Kaffeefahrten & Kasematten

Mit der Insel Dänholm im Strelasund ist bei vielen in Stralsund Wohnenden und auch bei vielen Nicht-Stralsundern der Begriff „Militär“ verbunden. Länger als eineinhalb Jahrhunderte war das Eiland durch die Präsenz von Streitkräften unterschiedlicher Couleur geprägt.

Die nach der Übergabe von Schwedisch-Pommern und Rügen ab 1815 entstehende Preußische Marine, die Reichsmarine und schließlich die Volksmarine haben den gewachsenen Charakter des Dänholms bestimmt und Baulichkeiten unterschiedlichster Art hinterlassen. Viele davon stehen unter Denkmalschutz: In dreizehn Positionen sind Einzelgebäude, Bauensembles, Hafen- und Befestigungsanlagen in der Amtlichen Denkmalliste der Hansestadt Stralsund erfasst.

Seit 1990 ist der Dänholm „militärfrei“. Die Deutsche Marine, anfänglich Bundesmarine, hatte sich nicht zum Dänholm als Standort bekannt und bei Parow eine kleine Stadt gebaut, wo vor 1990 eine Hubschrauberstaffel der Volksmarine stationiert war. Ein Helikopter von dort ist im Marinemuseum zu besichtigen.

Wie sah der Dänholm vor der „Militarisierungsperiode“ aus?

Bekanntlich waren Städte im Mittelalter üblicherweise befestigt, Stadtmauern, Stadttore und vorgelagerte Wehranlagen boten Schutz vor Angriffen.

In Stralsund wurde nach der Abwehr einer Eroberung der Stadt durch die kaiserlichen Truppen unter Wallenstein ein besonderes Augenmerk auf die Stadtbefestigung gelegt. 1629 hatte das Königreich Schweden die Vorherrschaft über Stralsund gewonnen, war mit fast 5.500 Mann Fußvolk und 225 Reitern in der Stadt präsent und hatte größtes Interesse am Ausbau der Befestigungsanlagen. (Horst Auerbach „Festung und Marinegarnison Stralsund“, Rostock 1999) Unter Leitung schwedischer Fortifikationsoffiziere wurden neuzeitliche Bastionen gebaut. Auf dem besonders exponierten Dänholm entstand ein Fort direkt am Nordufer. Dieses ist auch im „Staude-Plan“ zu sehen, der bekannten, minutiös gearbeiteten Ansicht Stralsunds von 1647. Hier waren allerdings nur vier Bastionen dargestellt, später hatte die sternförmig ausgebaute Schanze fünf Bastionen.

Der Dänholm wurde somit einerseits früh zu einem wichtigen Vorposten der Stadtbefestigungsanlagen, die Stralsund zu einer Festung werden ließen. Gleichzeitig wurden hier Flächen für Getreideanbau und Viehzucht verpachtet zur Versorgung der Stadt.

Nach der Besetzung Stralsunds durch die Truppen Napoleons wurden die Festungsanlagen geschleift. Die zivile Nutzung des Dänholms wie auch der Gebiete der späteren Vorstädte nahm zu.

Ab 1814 gehörte Pommern zum Machtbereich des Preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Die Preußen erklärten Stralsund wieder zur Festung und ließen die alten Wälle, Mauern und Bastionen wiederherstellen und errichteten neue. Der Dänholm behielt im Verteidigungssystem der Festung seine bisherige Bedeutung. Es entstanden zwei Schanzen. Zur Sicherung der Überfahrt von der Stadt zum Dänholm wurde in der Frankenvorstadt die Brückenschanze errichtet.

Daneben wurden an den Ufern der Insel kleine, halbkreisförmige Schanzen, sogen. Lünetten als Stellungen von Kanonen gebaut.

Das alles war kein Grund für die Stralsunder Bürgerinnen und Bürger, den Dänholm nicht weiterhin als Ausflugsziel zu nutzen. Es kam sogar dazu, dass ein Pächter dort eine Gaststätte betreiben konnte.

In der Stralsundischen Zeitung vom 3. August 1816 ist zu lesen: „Der heute Sonnabend, den 3ten August, als am Geburtstage seiner Majestät , unseres allergnädigsten Königs und Herrn, der Dänholm auf Kosten Sr. Excellenz, des Herrn General Lieutenants und Gouverneurs von Engelbrechten, illuminiert seyn wird: so zeige ich als solches hierdurch an, wie auch, daß ich meinerseits für Musik und Local zum Tanz und Erfrischungen Sorge tragen werde.

Vor allem die Wallensteintage waren Anlass für „Dänholmfahrten“. In den 1830er Jahren wird in der Sundine wie auch in der Stralsundischen Zeitung wiederholt von fröhlichem Volkstreiben, von Konzerten u.a. des Musik-Korps der Artillerie berichtet.

In der Sundine Nr. 31 von 1840 wird als Bericht vom Wallensteinfest geschrieben: „ . . .Die Volksfeier, wozu insbesondere die Umsegelung der Dänholm=Insel gehört, auf welcher letzteren an diesem Tage mehr Menschen, als sonst das ganze Jahr hindurch zusammenkommen, und woselbst in diesem Jahr, unter der Leitung des Herrn Stadt=Musik=Direktors Fischer, ein gut besetztes Instrumental=Concert ausgeführt wurde, fand im Punkte des Besuches auch diesmal die alte Teilnahme.

Eine Besonderheit der Befestigungsanlagen sind die Kasematten in der Sternschanze.

Kasematten

Sie werden aus Räumen und Gängen gebildet, die mit außerordentlich massiven Fundamenten, Wänden und Decken in die Wallanlagen integriert wurden. Durch Erdüberdeckung und Begrünung, d.h. mittels Grasnarbe und niedriger Gehölze sind die Kasematten perfekt getarnt und von der Seeseite, also vom Strelasund aus, nicht auszumachen. Ihre Bauweise bot Schutz vor Kanonenbeschuss. Die Kasematten, die nur von der Landseite mit Fenstern und Türen versehen waren, dienten u.a. als Magazin für Munition und Schießpulver sowie als sichere Aufenthaltsorte für die Mannschaften, die den Dänholm vor anrückenden Streitkräften zu verteidigen hatten.

Die Räume haben Gewölbe aus massivem Ziegelmauerwerk, teils auch flache Deckenkonstruktionen. Hier wurden große Doppel-T-Träger aus Stahl dicht nebeneinander auf die tragenden Querwände gelegt und darauf eine fast einen Meter dicke Betonplatte gebaut.

Derartige Baukonstruktionen sind selten noch so gut erhalten wie die in Stralsund. Einige der Kasematten sind nicht zu besichtigen, weil bewohnt: Fledermäuse. Die übrigen Kasematten sind ebenfalls nicht zu besichtigen, obwohl sie direkt am Marinemuseum liegen und einen herausragenden, authentischen Teil der Ausstellung bilden könnten. Grund: Keine Fledermäuse (noch), aber ein behördlich gesperrter Zugang.

Gang in den Kasematten

Die Treppe wurde vor Jahren durch den Förderverein Marinemuseum in Eigenleistung gebaut und weist nicht mehr die heute geforderte Verkehrssicherheit auf.

Den wesentlichen Impuls für die Entwicklung des Dänholms von der strategisch befestigten Speisekammer Stralsunds und Insel der Ausflüge und Erholung zum Synonym für „Militär“ war der Verkauf der Insel im Jahr 1849 an den königlichen Militärfiscus, vertreten durch das Kriegsministerium in Berlin.

Die Stadt Stralsund konnte sich über die Einnahme von 15.000 Thalern freuen und sah durch die Zweckbindung des Verkaufs förderliche Impulse auf die städtische Wirtschaft sowie auf das Bauhandwerk zukommen: Der Deal war an die Bedingung der Anlegung eines Hafens für Kriegsfahrzeuge gebunden.

Diese Bedingung verursachte kein Zögern oder Zaudern, sondern das ganze Gegenteil:
1850 waren bereits Marine-Etablissements in Form von Mannschaftsunterkünften im Bau und gleichzeitig wurden zwei Schuppen-Gebäude mit beachtlichen Dimensionen für Kanonenboote errichtet: Die Breite beträgt 73 m, die Gebäudetiefe misst 45 m, die überbaute Fläche war mehr als 3.200 m² groß. Das musste in deutschen Landen erstmal seinesgleichen finden!

Schon 1851 war der Marinehafen auf dem Dänholm fertiggestellt! Einer der Schuppenbauten ist erhalten und als geschütztes Einzeldenkmal in der Denkmalliste der Hansestadt Stralsund eingetragen.

Der allgemein als Kanonenbootschuppen bezeichnete Bau besteht eigentlich aus fünf Doppelschuppen, die nebeneinander gereiht die beachtliche Breite von 73,35 Metern auf dem flach abgeböschten Nord-Ost-Ufer des Marinehafens einnehmen. Die Tiefe der Schuppenanlage beträgt ca. 45,35 Meter, was das Aufschlippen und unter Dach stellen, sowie die Pflege von Schaluppen oder Jollen ermöglicht.

Aus massivem Granitstein-Mauerwerk bestehen die tragenden Mauern, die als Querwände zwischen den einzelnen Schuppen stehen. Auf diesen ruht die Fachwerk-Konstruktion des Gebäudes.

Doppelte Hängewerke, baukonstruktiv meisterhaft angeordnet, ermöglichen große Toröffnungen an der zum Hafen gerichteten Fassade und vor allem stützenfreie Innenräume. Lediglich die tragenden Querwand-Konstruktionen ohne Ausfachungen, bestehend aus Stützen mit Kopfstreben, gliedern den Innenraum wie Schotten den Bauch eines großen Schiffes.

Die flach geneigten Satteldächer der Doppelschuppen weisen eine besondere, sehr selten anzutreffende Raffinesse auf: Die fast 50 m langen Firste resp. Dachkehlen und Traufen verlaufen nicht in einer Linie, sondern sind in ihrer Mitte abgeknickt. Somit kann die Ableitung des Regenwassers in zwei Richtungen erfolgen. Die einzelnen Dachflächen sind nicht rechteckig, sondern rhomboid, bilden also Parallelogramme.

Auch dieser Umstand ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Bauwerks und begründet seinen Denkmalwert in baugeschichtlicher Hinsicht.

Martin Muschter in G&T#93 Förderverein Marinemuseum

Stralsunder Firmen

Stralsund verfügt über eine reiche Wirtschaftsgeschichte. Zeitweilig war sie eine der reichsten Städte im Ostseeraum. Doch auch in den letzten einhundert Jahren gibt es beispiele für Firmen, die eine überregionale Bedeutung hatten. In loser Folge spüren wir einigen von ihnen nach:

Baustart Rekonstruktion Lucht-Kanzel

Nach vielen Jahren des Stillstandes geht es nun endlich weiter: Die Lucht-Kanzel in St. Jakobi ist seit dem 18. März eingerüstet und wird zunächst teilweise zurückgebaut, um sie dann mit den (hoffentlich) korrekten Maßen wieder zusammenzusetzen. Hintergrund ist, dass bestimmte noch vorhandene Originalteile dieses in den dreißiger Jahren als „schönste Kanzel Pommerns“ bezeichneten Bauwerks noch vorhanden sind, aber leider nicht mehr „ranpassen“. So existieren noch Wangenteile der Aufstiegstreppe, größere Teile des Eingangsportals sowie Holzschnitzereien, die unterhalb des Kanzelkorbes angebracht werden sollen. Alles wertvolle Arbeiten, die bislang im Depot liegen mussten. Die Rekonstruktion der Lucht-Kanzel ist ein überaus komplexes Unterfangen, da sie vor dem Krieg demontiert und (z.T.) falsch eingelagert wurde. Holzteile haben sich durch Feuchtigkeit verzogen, Steinmetzarbeiten sind beschädigt usw. Zeichnungen und Fotos sollen helfen, die Kanzel wieder soweit wie möglich mit den Orinalteilen wieder aufzubauen. Es ist noch etwas unklar, wo genau der oder die Fehler bei der Anfang der zweitausender Jahre durchgeführten ersten Sanierungsphase gelegen haben können. Aktuell werden von den Restauratoren daher umfangreiche Messungen und Bestandsaufnahmen vorgenommen, bevor dann die Demontage des Kanzelkorbes erfolgen kann. Diese Rekonstruktion erfolgt ausschließlich aus privaten Spendenmitteln, die über mehrere Jahre gesammelt wurden. Unser Dank geht an die Tantau-Stiftung, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und vielen privaten Spenderinnen und Spendern. Auch das Bürgerkomitee konnte einen fünfstelligen Betrag beitragen um die Gesamtfinanzierung abzusichern. Wir wünschen den Restauratoren ein gutes Auge, kluge Köpfe und Erfolg bei dieser überaus schwierigen Aufgabe.

Heiko Werner in G&T#94

Badenstr. 5

Jugendstil-Treppenhaus vernichtet – Nachlass-Päckchen aus dem 17. Jhdt. gefunden

Vor 30 Jahren: Das Drama um das Brand-Haus Badenstraße 5

Es ist spätabends des 13. Februar 1996: Die Flammen schlagen schon aus dem Gebäude Badenstraße 5, als die Feuerwehr anrückt. Vom ca. 1880 erbauten bzw. überarbeiteten Wohnhaus Badenstraße 5 verbleiben nur noch Ruinen-Reste. Voraus gegangen war ein Konflikt zwischen dem Lübecker Eigentümer und der Denkmalpflege. Sollte eine „heiße Sanierung“ die Lösung sein? Jedenfalls war ein einzigartiges Treppenhaus im „Jugendstil reinster Ausprägung“ (damalige Denkmalpflegerin Dr. Ursula Markfort) unwiederbringlich verloren.

2000 Abriss Badenstr. 5

Doch der Reihe nach: Für das dreieinhalbgeschossige Gebäude mit Vorderhaus, Seitenflügel und Hof und für das Vorgängerhaus kamen und gingen die Eigentümer: z. B. 1680 der Weinhändler Hermann Wolfradt, 1810 der Sattlermeister Johann Samuel Bernhard, 1862 der Notar Carl Wilhelm Fabricius und 1872 der Zahnarzt Wilhelm van der Heyden. 3 Wohnungen beherbergte das Haus, 1868 entstand in der Vorderfront eine Öffnung für Schaufenster, 1933 wurde eine Dachwohnung zugelassen. 1991 zog die Hanse-Galerie dort ein (siehe Bild). Die Grundmauern und der Keller dürften aus dem 13. bzw. 14. Jhdt. stammen.

Das Jugendstiltreppenhaus mit wertvollen Wandmalereien und hübscher Wendeltreppe entstand zwischen 1870 und 1890. Das unglückliche Schicksal wollte es nun, dass gerade dort an 2 Stellen Feuer gelegt wurde. Der Eigentümer, der das Haus ca. 1994 erworben hatte, befand sich nicht nur im Streit mit der Denkmalpflege, die u. a. die Restaurierung des Treppenhauses gefordert hatte. Dicke Luft gab es auch mit der Bauaufsicht, die die Sicherung des baufälligen Kemladens mit der Androhung eines saftigen Zwangsgeldes verlangt hatte. Bei aller Verbitterung über den Verlust des Treppenhauses geschah jedoch auch ein kleines Wunder: Ein historisch wertvoller Kachelofen von ca. 1780 konnte gerettet und geborgen werden.

Brand-Ruine als „Touristen-Schreck“

Aber das Drama war noch nicht zu Ende: Noch 2 Jahre nach dem Brand, am 25.3.1998, setzte der Ostsee-Anzeiger die Headline: „Die Brandruine in der Badenstraße 5 beleidigt das Stadtbild: Touristen-Schreck am Rathausplatz“. Weitere 16 Monate vergingen im Streit über Wiederaufbau und/oder Abriss und nötige Sicherungsmaßnahmen am Nachbarhaus. Schließlich meldete die Ostseezeitung am 22.7.1999: „Nupnau will sein Haus nun doch verkaufen“, nämlich im Gefolge des geplanten Einkaufszentrums im Quartier 17. Der Abriss geschah dann im Jahr 2000. Gleichwohl in Erinnerung verbleibt die treffende Einordnung des Ostsee-Anzeigers v. 25.3.1998: „Noch heute, 2 Jahre nach der Brandlegung, scheinen die schwarzen, verbrannten Reste der Ruine gegen blanken Eigennutz und spekulative Altstadtzerstörung mahnen zu wollen.“

Die Erzählung geht jedoch weiter: Vor Errichtung des Einkaufszentrums erfolgten umfängliche archäologische Grabungen. Unter der Badenstraße 5 fanden sich in einem Brunnen von ca. 1320 und in 6 Holz- und Ziegel-Latrinen (Bauzeit zwischen 1270 und 1550) sensationelle Funde: eine rätselhafte „Papstbulle“, unzählige Siegel, Messer, Münzen in Walnuss-Schalen und Tongefäße; ganz besonders aber: Trinkgläser (sog. Krautstrünke) von der Weinhändlerfamilie Berchmeyer (ca. 1630) und – noch einzigartiger – der Nachlass von Heinrich Berchmeyer (auch ca. 1630, jetzt im Stadtarchiv Stralsund). In der Veröffentlichung von Ansorge und Rütz „Quartier 17“ (Landesamt für Kultur und Denkmalpflege M-V 2016) heißt es dazu: „Der Nachlass enthält Handelsbriefe, Rechnungen, Quittungen, Pfandbriefe, private Briefe…Alles ist fein säuberlich in Päckchen verpackt und mit dünnen Lederbändchen verschnürt.“

2025

Ironie des Schicksals also: Aufgrund dieser wertvollen Funde haben der Brand und das Einkaufszentrum auch irgendwie etwas ganz klein wenig Tröstliches. Aber insgesamt gilt: Wir sollten die alte Badenstraße 5, die zu schnödem Beton mutierte, nicht vergessen.

Arnold von Bosse in G&T #94

Wieder ein Denkmal weniger

Als ich 1991 das erste Mal Stralsund besuchte, war ich begeistert von der Vielzahl historischer Bauten, dem vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadtgrundriss, der direkten Lage an der „Ostsee“ und auch die Baulücken ließen meiner Phantasie großen Spielraum. Ich habe nur die Schönheit gesehen, nicht den Verfall. Besonders die Aneinanderreihung der Giebelhäuser in der Franken-, Mönch- und der Mühlenstraße hatten es mir angetan und ließen mich davon träumen, das eine oder andere Denkmal für mich oder für Bauherren sanieren zu dürfen.

Die äußeren Umstände waren bestens. Stralsund war und ist ein Flächendenkmal, ausgewählt als eine von insgesamt 5 Städten der DDR (Weimar, Meißen, Brandenburg und Halberstadt) als Modellvorhaben der Stadterneuerung – verbunden mit ausreichenden Fördermitteln, einem sehr engagierten städtischen Bauamt mit fachkundigen und Herzblut agierenden Denkmalpflegern der unteren und oberen Denkmalschutzbehörde, einer Vielzahl von privaten Stralsunder Bauherren, einer Stadterneuerungsgesellschaft, einem Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“ e. V., ehemals auch noch einer Initiative „Altstadt Stralsund“ und einer Arbeitsgruppe „Revitalisierung der Innenstadt HST“ sowie einem 1989 erkämpften Abrissstopp im gesamten Altstadtgebiet.

Also beste Voraussetzungen für eine großartige und lebenswerte Altstadt.

1996 bin ich dann nach Stralsund gezogen, in ein unsaniertes, leerstehendes Mehrfamilienhaus in der Semlower Straße mit zugemauerten Fenstern, Deckendurchbrüchen und in den ersten Tagen ohne Strom und Wasser. Voller Tatendrang und Freude begann ich dort mit der Arbeit. Es gab ausgiebige Unterstützung durch das Bauamt, großzügige Fördermittel durch die Stadterneuerungsgesellschaft, unkomplizierte Kredite von der hiesigen Stralsunder Stadtsparkasse, und um mich herum fast nur freundliche und hilfsbereite Bürger.

Seit nunmehr 30 Jahren denke ich mir immer wieder: das war genau das Richtige für mich. Eine Vielzahl von denkmalgeschützten Häusern und auch mehreren Neubauten in der Altstadt konnte ich seitdem verwirklichen. Kurzum war und ist eigentlich alles hervorragend.

Allerdings verärgern mich die Abrissarbeiten, die ich seit 1996 in Stralsund miterleben musste, bis heute. Dass selbst im Jahr 2026 in einer UNESCO-Weltkulturerbe Stadt ein bis vor kurzem bewohntes und immer gepflegtes denkmalgeschütztes Giebelhaus (Wasserstraße 59) nach Genehmigung durch die obere Denkmalschutzbehörde abgerissen werden darf, kann ich nicht nachvollziehen.

Wenn ein Gebäude über Jahrzehnte leer stand oder von alleine in Teilen einstürzte oder ein Brand große Teile zerstörte, konnte ich eine Abrissgenehmigung ein wenig begreifen. Trotzdem ist es auch dann möglich, wie zum Beispiel beim sogenannten Stützhaus in der Knieperstraße 17 gut sichtbar, wenigstens die Fassade und Teile der Brandwände denkmalgerecht wieder aufzubauen bzw. in einen Neubau zu integrieren.

Schon zu DDR-Zeiten wurden Anfang der 80er Jahre beispielsweise die Badenstraße 46 und der Alte Markt 12 vollständig „niedergelegt“ und danach nach historischem Vorbild wieder errichtet. Was dem Stadtbild einfach nur sehr gutgetan hat und tut.

Die derzeit stark weit verbreitete „Angst“ nicht zeitgemäß oder gar historisierend zu bauen, war damals erfreulicherweise noch nicht vorhanden.

Wobei zugleich die dem Zeitgeist entsprechende Architektursprache zum Beispiel am Alten Markt 1 (Mitte der 80er Jahre) verwirklicht wurde.

1990 Alter Markt 1

Nachdem durch Kriegseinwirkung, großflächige Abrisse zu DDR-Zeiten, mehrere Einstürze und Brände in der Wendezeit bereits ein erheblicher Verlust an bedeutenden Denkmälern zu verzeichnen war, wurden neben einer Vielzahl nicht denkmalgeschützter Gebäude seit 1996 folgende denkmalgeschützte Gebäude abgerissen: Badenstraße 5, Bleistraße 15, Böttcherstraße 26 und 29, Frankenstraße 17, Frankenwall 12 und 23, Wasserstraße 13 und 78 und die Langenstraße 32 und 63.

Bei der Frankenstraße 17 blieb bisher wenigstens ein Teil des Kellers und der Brandwand und beim Frankenwall 12 das Erdgeschoss erhalten. Bei der Böttcherstraße 29 hieß es seinerzeit, dass es wegen der erheblichen Schäden durch den Einsturz des Nachbargebäudes im Jahre 1999, vollständig abgerissen werden müsse und dann aber in ähnlicher Form wieder aufgebaut werden solle. Tatsächlich ist auf dieser Parzelle, wie auch auf vielen anderen Stellen der Stralsunder Altstadt, ein an Langweiligkeit und Banalität nicht zu überbietender Neubau entstanden.

Gerade in einer UNESCO-Weltkulturerbe Stadt, die sich zudem einen Gestaltungsbeirat „leistet“, dürfte so etwas nicht passieren. In einer stolzen Hansestadt wie Stralsund sollten neu errichtete Gebäude durchaus mit den prächtigen Giebelhäusern aus allen Epochen konkurrieren können und vor allem auch wollen.

Zurück zum Abriss des denkmalgeschützten Giebelhauses in der Wasserstraße 59, das bis vor wenigen Jahren noch bewohnt war und genutzt wurde. Die ehemalige Besitzerin Frau Beetz zeigte gern voller Stolz ihr Wohn- und Arbeitshaus, das sie und ihre Familie jeweils nach dem gerade vorherrschenden Zeitgeist renovieren ließ. Alte Bilder zeigen die ursprüngliche Schönheit, die im Bereich der Fassade leicht wiederhergestellt werden könnte. Wie bei fast jedem alten Gebäude zeigen sich selbstverständlich nach Freilegungs- und Entkernungsarbeiten Bauschäden und häufig auch Probleme mit der Statik, den Fundamenten, den Wandstärken der Außenwände und der damit verbundenen Herausforderung der geforderten Wärmedämmung sowie mit dem Brandschutz.

Nichts was sich nicht lösen lässt.

Gerade bei Denkmälern gibt es großzügige unkomplizierte Fördermöglichkeiten über die Stadterneuerungsgesellschaft und auch kleinere Unterstützungen durch die Stiftung Denkmalpflege und durch das Bürgerkomitee.

Wer ein Denkmal kauft oder erbt, sollte auch den Willen haben, solch ein Gebäude zu erhalten, viele Details denkmalgerecht aufzuarbeiten und möglichst auch selber darin wohnen zu wollen. Besteht diese Bereitschaft nicht, gibt es genügend freie Bauflächen innerhalb der Altstadtinsel und außerhalb sowieso.

Mein Wunsch wäre es, wenn dennoch aus bestimmten Gründen ein Abrissantrag gestellt wird, wie zum Beispiel:

  • das Gebäude lässt sich nicht wirtschaftlich sanieren,
  • der Grundriss ist nicht zeitgemäß,
  • die Fassade lässt sich nicht in einen Neubau integrieren,
  • der Brandschutz und die Wärmeschutzverordnung sind nicht umsetzbar,

dass dann die obere und untere Denkmalschutzbehörde, das Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“ e. V. und auch der Welterbe-Beirat sich gemeinsam an einen Tisch setzen, um Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Weitere Abrisse sollten vehement verhindert werden.

Wer kein Interesse, keine Lust und auch kein Herzblut am Erhalt eines Denkmals verspürt, dem sollte man beim Verkauf helfen, denn begeisterte Denkmalretter werden sich immer finden lassen.

Thorsten-Joachim Kind in G&T #94

Bürgerproteste

Immer wieder hat es in der Geschichte des Bürgerkomitees „Rettet die Altstadt Stralsund“ e. V. Aktionen für bedrohte Häuser gegeben. Diese gingen oft von Betroffenen aus oder wurden vom Vorstand des Bürgerkomitees in Nacht und Nebelaktionen initiiert, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf besonders gefährdete oder vernachlässigte Gebäude in der Altstadt zu richten.