Badenstr. 5

Jugendstil-Treppenhaus vernichtet – Nachlass-Päckchen aus dem 17. Jhdt. gefunden

Vor 30 Jahren: Das Drama um das Brand-Haus Badenstraße 5

Es ist spätabends des 13. Februar 1996: Die Flammen schlagen schon aus dem Gebäude Badenstraße 5, als die Feuerwehr anrückt. Vom ca. 1880 erbauten bzw. überarbeiteten Wohnhaus Badenstraße 5 verbleiben nur noch Ruinen-Reste. Voraus gegangen war ein Konflikt zwischen dem Lübecker Eigentümer und der Denkmalpflege. Sollte eine „heiße Sanierung“ die Lösung sein? Jedenfalls war ein einzigartiges Treppenhaus im „Jugendstil reinster Ausprägung“ (damalige Denkmalpflegerin Dr. Ursula Markfort) unwiederbringlich verloren.

2000 Abriss Badenstr. 5

Doch der Reihe nach: Für das dreieinhalbgeschossige Gebäude mit Vorderhaus, Seitenflügel und Hof und für das Vorgängerhaus kamen und gingen die Eigentümer: z. B. 1680 der Weinhändler Hermann Wolfradt, 1810 der Sattlermeister Johann Samuel Bernhard, 1862 der Notar Carl Wilhelm Fabricius und 1872 der Zahnarzt Wilhelm van der Heyden. 3 Wohnungen beherbergte das Haus, 1868 entstand in der Vorderfront eine Öffnung für Schaufenster, 1933 wurde eine Dachwohnung zugelassen. 1991 zog die Hanse-Galerie dort ein (siehe Bild). Die Grundmauern und der Keller dürften aus dem 13. bzw. 14. Jhdt. stammen.

Das Jugendstiltreppenhaus mit wertvollen Wandmalereien und hübscher Wendeltreppe entstand zwischen 1870 und 1890. Das unglückliche Schicksal wollte es nun, dass gerade dort an 2 Stellen Feuer gelegt wurde. Der Eigentümer, der das Haus ca. 1994 erworben hatte, befand sich nicht nur im Streit mit der Denkmalpflege, die u. a. die Restaurierung des Treppenhauses gefordert hatte. Dicke Luft gab es auch mit der Bauaufsicht, die die Sicherung des baufälligen Kemladens mit der Androhung eines saftigen Zwangsgeldes verlangt hatte. Bei aller Verbitterung über den Verlust des Treppenhauses geschah jedoch auch ein kleines Wunder: Ein historisch wertvoller Kachelofen von ca. 1780 konnte gerettet und geborgen werden.

Brand-Ruine als „Touristen-Schreck“

Aber das Drama war noch nicht zu Ende: Noch 2 Jahre nach dem Brand, am 25.3.1998, setzte der Ostsee-Anzeiger die Headline: „Die Brandruine in der Badenstraße 5 beleidigt das Stadtbild: Touristen-Schreck am Rathausplatz“. Weitere 16 Monate vergingen im Streit über Wiederaufbau und/oder Abriss und nötige Sicherungsmaßnahmen am Nachbarhaus. Schließlich meldete die Ostseezeitung am 22.7.1999: „Nupnau will sein Haus nun doch verkaufen“, nämlich im Gefolge des geplanten Einkaufszentrums im Quartier 17. Der Abriss geschah dann im Jahr 2000. Gleichwohl in Erinnerung verbleibt die treffende Einordnung des Ostsee-Anzeigers v. 25.3.1998: „Noch heute, 2 Jahre nach der Brandlegung, scheinen die schwarzen, verbrannten Reste der Ruine gegen blanken Eigennutz und spekulative Altstadtzerstörung mahnen zu wollen.“

Die Erzählung geht jedoch weiter: Vor Errichtung des Einkaufszentrums erfolgten umfängliche archäologische Grabungen. Unter der Badenstraße 5 fanden sich in einem Brunnen von ca. 1320 und in 6 Holz- und Ziegel-Latrinen (Bauzeit zwischen 1270 und 1550) sensationelle Funde: eine rätselhafte „Papstbulle“, unzählige Siegel, Messer, Münzen in Walnuss-Schalen und Tongefäße; ganz besonders aber: Trinkgläser (sog. Krautstrünke) von der Weinhändlerfamilie Berchmeyer (ca. 1630) und – noch einzigartiger – der Nachlass von Heinrich Berchmeyer (auch ca. 1630, jetzt im Stadtarchiv Stralsund). In der Veröffentlichung von Ansorge und Rütz „Quartier 17“ (Landesamt für Kultur und Denkmalpflege M-V 2016) heißt es dazu: „Der Nachlass enthält Handelsbriefe, Rechnungen, Quittungen, Pfandbriefe, private Briefe…Alles ist fein säuberlich in Päckchen verpackt und mit dünnen Lederbändchen verschnürt.“

2025

Ironie des Schicksals also: Aufgrund dieser wertvollen Funde haben der Brand und das Einkaufszentrum auch irgendwie etwas ganz klein wenig Tröstliches. Aber insgesamt gilt: Wir sollten die alte Badenstraße 5, die zu schnödem Beton mutierte, nicht vergessen.

Arnold von Bosse in G&T #94

Wieder ein Denkmal weniger

Als ich 1991 das erste Mal Stralsund besuchte, war ich begeistert von der Vielzahl historischer Bauten, dem vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadtgrundriss, der direkten Lage an der „Ostsee“ und auch die Baulücken ließen meiner Phantasie großen Spielraum. Ich habe nur die Schönheit gesehen, nicht den Verfall. Besonders die Aneinanderreihung der Giebelhäuser in der Franken-, Mönch- und der Mühlenstraße hatten es mir angetan und ließen mich davon träumen, das eine oder andere Denkmal für mich oder für Bauherren sanieren zu dürfen.

Die äußeren Umstände waren bestens. Stralsund war und ist ein Flächendenkmal, ausgewählt als eine von insgesamt 5 Städten der DDR (Weimar, Meißen, Brandenburg und Halberstadt) als Modellvorhaben der Stadterneuerung – verbunden mit ausreichenden Fördermitteln, einem sehr engagierten städtischen Bauamt mit fachkundigen und Herzblut agierenden Denkmalpflegern der unteren und oberen Denkmalschutzbehörde, einer Vielzahl von privaten Stralsunder Bauherren, einer Stadterneuerungsgesellschaft, einem Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“ e. V., ehemals auch noch einer Initiative „Altstadt Stralsund“ und einer Arbeitsgruppe „Revitalisierung der Innenstadt HST“ sowie einem 1989 erkämpften Abrissstopp im gesamten Altstadtgebiet.

Also beste Voraussetzungen für eine großartige und lebenswerte Altstadt.

1996 bin ich dann nach Stralsund gezogen, in ein unsaniertes, leerstehendes Mehrfamilienhaus in der Semlower Straße mit zugemauerten Fenstern, Deckendurchbrüchen und in den ersten Tagen ohne Strom und Wasser. Voller Tatendrang und Freude begann ich dort mit der Arbeit. Es gab ausgiebige Unterstützung durch das Bauamt, großzügige Fördermittel durch die Stadterneuerungsgesellschaft, unkomplizierte Kredite von der hiesigen Stralsunder Stadtsparkasse, und um mich herum fast nur freundliche und hilfsbereite Bürger.

Seit nunmehr 30 Jahren denke ich mir immer wieder: das war genau das Richtige für mich. Eine Vielzahl von denkmalgeschützten Häusern und auch mehreren Neubauten in der Altstadt konnte ich seitdem verwirklichen. Kurzum war und ist eigentlich alles hervorragend.

Allerdings verärgern mich die Abrissarbeiten, die ich seit 1996 in Stralsund miterleben musste, bis heute. Dass selbst im Jahr 2026 in einer UNESCO-Weltkulturerbe Stadt ein bis vor kurzem bewohntes und immer gepflegtes denkmalgeschütztes Giebelhaus (Wasserstraße 59) nach Genehmigung durch die obere Denkmalschutzbehörde abgerissen werden darf, kann ich nicht nachvollziehen.

Wenn ein Gebäude über Jahrzehnte leer stand oder von alleine in Teilen einstürzte oder ein Brand große Teile zerstörte, konnte ich eine Abrissgenehmigung ein wenig begreifen. Trotzdem ist es auch dann möglich, wie zum Beispiel beim sogenannten Stützhaus in der Knieperstraße 17 gut sichtbar, wenigstens die Fassade und Teile der Brandwände denkmalgerecht wieder aufzubauen bzw. in einen Neubau zu integrieren.

Schon zu DDR-Zeiten wurden Anfang der 80er Jahre beispielsweise die Badenstraße 46 und der Alte Markt 12 vollständig „niedergelegt“ und danach nach historischem Vorbild wieder errichtet. Was dem Stadtbild einfach nur sehr gutgetan hat und tut.

Die derzeit stark weit verbreitete „Angst“ nicht zeitgemäß oder gar historisierend zu bauen, war damals erfreulicherweise noch nicht vorhanden.

Wobei zugleich die dem Zeitgeist entsprechende Architektursprache zum Beispiel am Alten Markt 1 (Mitte der 80er Jahre) verwirklicht wurde.

1990 Alter Markt 1

Nachdem durch Kriegseinwirkung, großflächige Abrisse zu DDR-Zeiten, mehrere Einstürze und Brände in der Wendezeit bereits ein erheblicher Verlust an bedeutenden Denkmälern zu verzeichnen war, wurden neben einer Vielzahl nicht denkmalgeschützter Gebäude seit 1996 folgende denkmalgeschützte Gebäude abgerissen: Badenstraße 5, Bleistraße 15, Böttcherstraße 26 und 29, Frankenstraße 17, Frankenwall 12 und 23, Wasserstraße 13 und 78 und die Langenstraße 32 und 63.

Bei der Frankenstraße 17 blieb bisher wenigstens ein Teil des Kellers und der Brandwand und beim Frankenwall 12 das Erdgeschoss erhalten. Bei der Böttcherstraße 29 hieß es seinerzeit, dass es wegen der erheblichen Schäden durch den Einsturz des Nachbargebäudes im Jahre 1999, vollständig abgerissen werden müsse und dann aber in ähnlicher Form wieder aufgebaut werden solle. Tatsächlich ist auf dieser Parzelle, wie auch auf vielen anderen Stellen der Stralsunder Altstadt, ein an Langweiligkeit und Banalität nicht zu überbietender Neubau entstanden.

Gerade in einer UNESCO-Weltkulturerbe Stadt, die sich zudem einen Gestaltungsbeirat „leistet“, dürfte so etwas nicht passieren. In einer stolzen Hansestadt wie Stralsund sollten neu errichtete Gebäude durchaus mit den prächtigen Giebelhäusern aus allen Epochen konkurrieren können und vor allem auch wollen.

Zurück zum Abriss des denkmalgeschützten Giebelhauses in der Wasserstraße 59, das bis vor wenigen Jahren noch bewohnt war und genutzt wurde. Die ehemalige Besitzerin Frau Beetz zeigte gern voller Stolz ihr Wohn- und Arbeitshaus, das sie und ihre Familie jeweils nach dem gerade vorherrschenden Zeitgeist renovieren ließ. Alte Bilder zeigen die ursprüngliche Schönheit, die im Bereich der Fassade leicht wiederhergestellt werden könnte. Wie bei fast jedem alten Gebäude zeigen sich selbstverständlich nach Freilegungs- und Entkernungsarbeiten Bauschäden und häufig auch Probleme mit der Statik, den Fundamenten, den Wandstärken der Außenwände und der damit verbundenen Herausforderung der geforderten Wärmedämmung sowie mit dem Brandschutz.

Nichts was sich nicht lösen lässt.

Gerade bei Denkmälern gibt es großzügige unkomplizierte Fördermöglichkeiten über die Stadterneuerungsgesellschaft und auch kleinere Unterstützungen durch die Stiftung Denkmalpflege und durch das Bürgerkomitee.

Wer ein Denkmal kauft oder erbt, sollte auch den Willen haben, solch ein Gebäude zu erhalten, viele Details denkmalgerecht aufzuarbeiten und möglichst auch selber darin wohnen zu wollen. Besteht diese Bereitschaft nicht, gibt es genügend freie Bauflächen innerhalb der Altstadtinsel und außerhalb sowieso.

Mein Wunsch wäre es, wenn dennoch aus bestimmten Gründen ein Abrissantrag gestellt wird, wie zum Beispiel:

  • das Gebäude lässt sich nicht wirtschaftlich sanieren,
  • der Grundriss ist nicht zeitgemäß,
  • die Fassade lässt sich nicht in einen Neubau integrieren,
  • der Brandschutz und die Wärmeschutzverordnung sind nicht umsetzbar,

dass dann die obere und untere Denkmalschutzbehörde, das Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“ e. V. und auch der Welterbe-Beirat sich gemeinsam an einen Tisch setzen, um Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Weitere Abrisse sollten vehement verhindert werden.

Wer kein Interesse, keine Lust und auch kein Herzblut am Erhalt eines Denkmals verspürt, dem sollte man beim Verkauf helfen, denn begeisterte Denkmalretter werden sich immer finden lassen.

Thorsten-Joachim Kind in G&T #94

Giebel & Traufen #94 April 2026

In dieser Frühlingsausgabe finden Sie hoffentlich ein paar interessante Artikel zu einer sehr kontrovers führbaren Diskussion um aktuelle Abrissvorhaben in der Stadt wie gerade in der Wasserstr. 59 oder der Langenstr. 53 zu besichtigen, den Umgang mit bedeutenden Denkmalen wie den Lokschuppen oder der historisch überaus wichtigen Badenstr. 5. Zudem eine Nachlese der diesjährigen Koggensiegelverleihung. Im Blick zurück schauen wir auf Mariakron das Doppelkloster am Moorteich. Mit Kati Rehberg und Cornelia Seidel hat der Vorstand am 8.1.26 zwei neue Beiratsmitglieder aufgenommen. Herzlich Willkommen!

Alle Einzelartikel

Im Rausch der Farben – Wanddekorationen im Wandel der Zeit

Menschen zusammenbringen, die ähnliche Interessen haben – das ist ein schönes Nebenprodukt der Tätigkeit unseres Vereins. Etwa 50 interessierte Gäste waren der Einladung des Bürgerkomitees „Rettet die Altstadt Stralsund“ e. V. gefolgt.

Wolf-Dieter Thormeier nahm alle Anwesenden mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte unserer Stadt. Prachtvolle Bilder zeigten eine Fülle von Kunstwerken, die es in Stralsund zu entdecken gibt.

Als absoluter Kenner, als „Insider“, der in fast allen Häusern der Stadt bei der Restaurierung mitgewirkt hat, konnte er interessante Zusammenhänge und Thesen darstellen, z. B. nach der „Handschrift“ von Meistern in verschiedenen Häusern.

Waren die gleichen Meister am Werk? Hat man nach Musterbüchern gearbeitet? Welche Farben wurden verwendet? Wie wurden sie hergestellt? Alles Dinge, die uns heute noch im Bann halten.

Aus dem Mittelalter sind leider nicht so sehr viele Wandmalereien erhalten. Einige Fragmente sind im Johanniskloster ausgestellt – immerhin können die ab und zu besucht werden.

Wie langwierig manche Sanierungen sind, konnten wir sehr glaubhaft am Beispiel einer barocken Deckenmalerei aus der Heilgeiststraße 68 sehen. Im Zentrum dieser Malerei befindet sich passenderweise eine Darstellung der Tugend Hoffnung. Seit 2017 sind hier Planungen zur Sicherung im Gang, das Bürgerkomitee hat einen Beitrag geleistet. Leider ist es noch nicht gerettet und wird noch in Schulbladen verwahrt.

Ob Mittelalter, Barock, Renaissance, Klassizismus oder 19. Jahrhundert. Es gibt vieles zu sehen in Stralsund – man muss nur hinschauen – und wer weiß, vielleicht stupst uns Herr Thormeier bald wieder auf Dinge, die wir nicht immer im Blick haben.

Dagmar Fromme in G&T#94

Fa. Koch & Poggendorf

Wenn sich alte Stralsunder an die Zeit vor 1945 und das dammalige Wirtschaftsleben in der Stadt erinnern, wird eines der führenden Unternehmen, die Firma Koch & Poggendorf, geggenwärtig sein. Diese angesehene Firma betrieb einen regen Handel mit Getreide und Saatgut und hatte ihren Sitz auf der Hafeninsel, wo sich der lebhafte Umschlag abspielte.
Zur Geschichte: Aus der Magdeburger Börde stammend zog der Kaufmann Gustav Koch 1883 nach Stralsund, wo er in der Heilgeiststraße eine Seifenfabrik erwarb. In der Badenstraße befand sich im Eigentum des dänischen Konsuls Schmok ein Getreidegeschäft, das nach dessen Tod 1888 von Gustav Koch gekauft wurde. Er gründete dort seine eigene Firma. Mit einem Handwagen und 361 Säcken begann das Geschäft. Das dänische Konsulat wurde an Koch übertragen. 1893 kaufte er das Bürohaus Fährstraße 20 und den Hausspeicher Fährwallstraße. Nach dem 1 . Weltkrieg erkrankte Gustav Koch, er starb 1923. Der Betrieb wurde von seinem Sohn Friedrich Wilhelm und dem Mitinhaber Fritz Schlamm weitergeführt. 1924 gründeten beide mit den 3 Brüdern Rudolf, Hans und Gerhard Poggendorf die gemeinsame Firma.
Das aufblühende Unternehmen benötigte bald mehr Lagerkapazität und erwarb 1926 den von der Firma Teichen erbauten Türmchenspeicher in Hafenstr. 8. Ein trauriges Ereignis geschah 1928, Rudolf verunglückte tödlich beim Segeln. Die Umsatzsteigerung brachte auch eine Vergrößerung des Fuhrparks mit sich. Angefangen mit dem 1. Handwagen kamen Lohnfuhrwerke dazu. Dann wurden einige Rollwagen und bis zu 6 Pferde eingesetzt. Die noch ungefederten Wagen rumpelten mit einer Last bis zu 80 Ztr. durch die Straßen. Später folgten Motorfahrzeuge und LKW mit Zugmaschinen.

Entladearbeiten der Fa Koch & Poggendorf

Mit dem 2. Weltkrieg entstanden wie überall Probleme, z.B. durch Einzug der Fahrzeuge für den Heeresdienst. Am 6. Okt. 1944 traf der Bombenhagel die Firma hart. Das Bürohaus in der Fährstraße war ein Trümmerhaufen, der Hausspeicher teilweise zerstört. Alle Mitarbeiter hatten überlebt, da sie sich in einen Speicher zurückgezogen hatten. Mit dem Kriegsende 1945 änderte sich für das Unternehmen zunächst wenig. Dann aber durfte ab 1950 kein Handel mehr getrieben werden. Silos, Maschinen und das Tanklager wurden an die VEABverpachtet. Eine verbliebene Bürokraft, Frau Schmidt, wickelte die Geschäfte unter großen Schwierigkeiten in materieller und finanzieller Hinsicht ab. Nach ihrem Eintritt ins Rentenalter schlossen sich die
Türen 1988 von Koch & Poggendorl für immer. 2002 wurde die Firma endgültig liquidiert.

Ingrid Wähler aus G&T #62

Wasserstr. 39

Das städtebaulich imposante Eckgebäude wurde um 1870/1880 errichtet. Das Grundstück befindet sich am Ende der Wasserstraße und das Gebäude mit seiner mehrfach abgewinkelten Fassade zieht sich der Straßenbiegung folgend über die Ecke bis in den Frankenwall hinein. Es besteht aus zwei Geschossen und ein Zwischengeschoss (Mezzanin) und zehn Achsen. Das über dem Erdgeschoss vorhandene Putzband sowie das Gesimsband darüber mit dem historischen Werbeschriftzug konnten nach der Sanierung wieder herausgearbeitet werden.

Frankendamm stadteinwärts, im Hintergrund links die Wasserstr. 39

1993 wurde dem Eigentümer Dr. Dieter Bartels das Haus seiner Großeltern und somit Elternhaus seiner Mutter auf Antrag zurück übertragen. Gemeinsam mit seinem Bruder sanierte er das Haus und konnte es bereit 1995 vermieten. Es befinden sich darin Einrichtungen für Physiotherapie und Ergotherapie sowie zwei Wohnungen im Dachgeschoss.

Zustand 1990

Das Haus liegt im Randgebiet des von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannten Stadtgebietes des Kulturgutes „Historische Altstädte Stralsund und Wismar“.

In die Liste der Baudenkmale in Stralsund ist es mit der Nummer 818 eingetragen.

Für die erfolgreiche Sanierung wurde dem Eigentümer – dreißig Jahre nach dem Einzug der Mieter – im Januar 2026 das Koggensiegel durch das Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt Stralsund e.V.“ verliehen.

Mönchstr. 8

Der mittelalterliche Stadtplan zeigt in Höhe der heutigen Mönchstr. 8 die seinerzeit noch als Die-Münche-Strasse Hausstelle 55 im St. Georgen Viertel, gezählt wurde, stattliche Giebelhäuser. Ein paar Jahre später dokumentieren die schwedischen Landvermesser am gleichen Ort eine wüste Stelle.

Dieser Platz oder Wüste ist der Erden gleich, sind keine Mauern oder Kellern draud, die vorn nach der Straßen stehen, die HaußThür und Fenster Mauer sind mit Brettern bekleydet, darauf ist ein Brau Haß gestanden, und sind die rudera des Dare Ofens in der BrandMauer zu sehen.

Es mag bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gedauert haben, bis Andreas Brink das Gebäude auf den mittelalterlichen Grundmauern neu als dreigeschossiges traufständisches Haus errichtete. Im barocken Stil gehalten, wurde jedoch die im Mittelalter typische Dielenform unter Verwendung der bestehenden Bausubstanz aufgegriffen. Mehrfach wechselten die Besitzer und deren Vorlieben.

Grundstückszuschnitte/Kataster um 1700
heutige Zuschnitte der Grundstücke

Das Baugeschäft Augustin Hotze & Söhne war hier noch bis 1972 ansässig und die Familie Hotze verließ wegen der Repressalien und Enteignungen zu DDR-Zeiten die Stadt gen Westen. Erst Anfang der neunziger Jahre gelang die Rückübertragung der massiv vernachlässigten Gebäudereste an die Alteigentümer, freilich in ziemlich desolatem Zustand.

Die anstehenden Sanierungsarbeiten förderten erstaunliches zu Tage. Unter einer einfachen Holzverschalung kamen in der Diele im Wand- und Deckenbereich große barocke Akanthusmalereien zum Vorschein. Diese waren farbig gehalten und in einem erstaunlich guten Zustand. Wie in solchen Fällen üblich, mussten diese unterste Farbschicht gesichert, darüberliegende Anstriche vorsichtig entfernt werden, um so das Gesamtbild aus der Barockzeit Mitte des 18. Jahrhunderts wieder sichtbar werden zu lassen.

Aber natürlich haben auch spätere Zeiten Spuren hinterlassen. Liebevoll wurden Sichtfenster mit diversen Anstrichen aus verschiedenen Epochen rekonstruiert. Auch Tapetenschichten konnten voneinander getrennt und so in ihren zeitlichen Kontext gestellt werden.

Eine Besonderheit stellen auch die in mittelalterlichen Bögen eingebauten hölzernen Wandschränke dar. Diese gerieten offenbar in späteren Jahren in Vergessenheit. Werkzeuge, Schusterutensilien, eingewecktes Obst zeugen von der Nutzung durch frühere Bewohner.

Wandschränke mit Inventar

Heute steht die Diele dank der generösen Unterstützung der Familie Hotze für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Hier hat sich mit der KulturDIELE M8 ein kleiner aber feiner Ort etabliert, an dem Theateraufführungen, Lesungen und Konzerte stattfinden.

In der Mühlenstraße 8 gibt es neben der KulturDIELE ein Büroraum mit Fenster zur Straße – das Kontor. Dieser kann als „co-working space“ genutzt werden kann. Hierfür stehen auch Schließfächer und WLAN zur Verfügung. Die Vermietung erfolgt über Herrn Hotze.

Aber auch für private Feiern kann die Räumlichkeit mit dem historischen Ambiente gemietet werden.

2026 hat das Haus ein Koggensiegel bekommen.

Koggensiegelverleihung 2026


Nach Verleihung des ersten Koggensiegels im Jahre 1996 wurden am 23. Januar dieses Jahres im Gustav-Adolf-Saal zwei weitere vorbildlich sanierte Altbauten mit der Auszeichnung gewürdigt. Das erste Koggensiegel an diesem Abend wurde beispielgebend für diese langjährige Tradition für die vor 30 Jahren abgeschlossene Sanierung des Gebäudes Wasserstraße 39 (Ecke Frankenwall) verliehen.

Wasserstr. 39 nach Sanierung

Bildhaft und informativ zeichnete Herr Dr. Dieter Bartels den Werdegang der aufwändigen Sanierung nach. Angefangen von der Rückübertragung des Hauses seiner Großeltern, den Bedenken zu den finanziellen Risiken bis hin zu vielen kleinen interessanten Geschichten und Details um die Sanierung erhielten wir einen beeindruckenden Einblick. Dass diese Ehre an diesem Abend dem Urheber des Koggensiegels selbst zuteilwurde, war kein Zufall. Nach 30 Jahren als Vorstandsvorsitzender wurde Herr Dr. Dieter Bartels anschließend mit respektvollen Worten und großem Dank vom jetzigen Vorstandsvorsitzenden Olaf Fromme im Namen des Bürgerkomitees herzlich verabschiedet. Im Anschluss wurde das zweite Koggensiegel an die Eigentümer Annette und Michael Hotze für die hervorragende Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes Mönchstraße 8 verliehen.

Mönchstr. 8

Michael Hotze berichtete über Erschwernisse, die eine Sanierung in einem denkmalgeschützten Gebäude mit sich bringen und gleichfalls herausfordern, besondere Lösungen zu finden. Anschließend stellte der Stralsunder Restaurator Wolf Dieter Thormeier, der die Sanierung begleitete, mit fundiertem Fachwissen besondere bauhistorische Elemente in diesem Gebäude vor und erläuterte diese. Besonders eindrucksvoll war auch hier zu sehen, wie die historischen Befunde sensibel in die neuen Nutzungen integriert wurden. Darüber hinaus ist mit der neu geschaffenen “KulturDIELE M8“ ein neuer Ort für Kultur entstanden, der der Weltkulturerbestadt Stralsund sehr gutsteht.

Sehr froh waren wir über die Zusage von Frau Beatrix Hegenkötter, uns einen fachlichen Einblick in die am 12. November 2025 verabschiedeten ersten Novelle des Denkmalschutzgesetzes M-V zu geben. Frau Hegenkötter stellte die wichtigsten Punkte der Gesetzesüberarbeitung kurz vor. Erfreulich ist, dass Genehmigungsverfahren vereinfacht wurden (z. B. für wiederkehrende Arbeiten) sowie eine Zustimmungsfiktion nach vier Wochen für mehr Planungssicherheit sorgen soll. Die Rahmenbedingungen für die Inanspruchnahme dafür hängen sicherlich vom jeweiligen Einzelfall ab. Interessant war auch zu hören, dass das vorsätzliche Zerstören von Denkmälern erstmals als Straftat im Gesetz erfasst wurde. Nachfragen kamen insbesondere auch zum Thema „Photovoltaikanlagen auf denkmalgeschützten Gebäuden“ und deren Umgang. Im Denkmalschutzgesetz wurde der Klimaschutz lediglich als berechtigtes Interesse definiert. Hier wäre abzuwarten, wie die örtlich zuständige Genehmigungsbehörde bei zukünftigen Anträgen entscheidet. Ein paar Fragen blieben noch offen, für die Frau Hegenkötter baldige verbindliche Antworten in Aussicht gestellt hat; wir werden berichten.

Auch wenn an diesem Abend die winterlichen Temperaturen in der Kirchturmhalle nicht förderlich für einen gemütlichen Ausklang waren, so hat es uns als Bürgerkomitee sehr gefreut, dass sich trotz dieser schwierigen Witterungsbedingungen viele Interessierte, Mitglieder und Freunde auf den Weg gemacht haben. Ihr Interesse bestärkt uns in unserem Handeln, bedeutende kulturhistorische Baudenkmäler zu bewahren und darüber zu informieren.

Kati Rehberg in GT#94

Langenstraße 29

Vor ziemlich genau 10 Jahren, Ende 2015, wurden die Türen des traditionellen Unternehmens „Möbelhaus A. Thierfeld“ in der Langenstraße 29 endgültig geschlossen. Seitdem stand das Gebäude mehr oder weniger ungenutzt und unbewohnt. Nun finden seit dem letzten Jahr umfangreiche Umbauarbeiten statt.

Im Juli letzten Jahres berichtete bereits die Ostseezeitung über die Bautätigkeiten am Gebäude. Der neue Eigentümer, die BSB Bau Malchin GmbH, baut das Gebäude unter Erhalt der Straßenfassade mit großen Aufwendungen um. Nach Aussage des neuen Eigentümers ermöglichte der vorgefundene Zustand des alten Gebäudes, insbesondere der hofseitigen Anbauten, keine Sanierung im Bestand, sodass hinter der alten Fassade mehr oder weniger ein Neubau entsteht. Die bisher durchgeführten rückwärtigen Teilabbrüche waren sehr zeitaufwendig, da die Baustelle nur von der Straße aus zugänglich ist. Ein großer Kran sowie eine Vollsperrung sind dafür seit ca. eineinhalb Jahren erforderlich. Sicherlich ist diese Situation für einige Anwohner, insbesondere für die direkten Anlieger, einschränkend. Wenn auch die derzeitige Sackgassensituation der vom Neuen Markt führende und durchaus gut befahrenden Altstadtstraße eine willkommene Verkehrsberuhigung für die Anwohner darstellt.

Die Fassade ist für den Erhalt gesichert worden und wird im Bestand saniert. Die alten Schaufenster sind bereits durch neue Fensteröffnungen, angepasst an die Flucht der darüber vorhandenen Fenster in den Obergeschossen, umgebaut worden. Und hinter der Fassade sind beim Vorbeigehen die Rohbauarbeiten zu beobachten, die parallel im Vorder- und Hinterhaus stattfinden. Der alte Schriftzug „Möbelhaus A. Thierfeld“ soll nach der Fertigstellung weiter an der Fassade verbleiben und somit an das ehemalige Traditionsunternehmen erinnern.

Bereits im Jahre 1913 übernahm der Tischler Alfons Thierfeld, Großvater von Karsten Thierfeld dem letzten Inhaber, das Gebäude. Der Staude-Plan von 1647 zeigt im Bereich dieser Häuserzeile noch eine vollständige Bebauung. Im Jahre 1734 wurde das Gebäude hingegen in einer Baulücke errichtet. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis ca. 1900 waren mehrere Bäckereien im Erdgeschoss ansässig. In chronologischer Abfolge waren dies zunächst der Bäcker Peter Vahl, ab 1788 der Bäcker Christian Wilde, ab 1840 der Bäcker Samuel Warnke und ab 1844 übernahm Theodor Adolph Friedrich Danckwardt die Bäckerei. Das erste Schaufenster wurde von der Kaufmannsfamilie Drews im Jahre 1858 eingebaut. Bekannt ist, dass auch der Möbelhändler H. H. Drews hier ansässig war. Mit der Übernahme des Gebäudes durch den Tischler Alfons Thierfeld im Jahre 1913 wurden größere Umbauten vorgenommen, um im Erdgeschoss ein Ladengeschäft für Möbel einrichten zu können. Dabei wurden unter anderem die ehemalige Hauseingangstür sowie die Treppenanlage im Gebäude so an die Seite des Gebäudes umverlegt, dass das Schaufenster vergrößert werden konnte. Mit dem Zukauf der hofseitig anschließenden Frankenstraße 54 im Jahre 1951 konnte der Unternehmenssitz erweitert werden. Seinen Ursprung hatte die Tischlerei jedoch in der Schillstraße 30, wo Alfons Thierfeld im Jahre 1900 mit einer kleinen Tischlerei für Möbelbau seinen ersten Firmensitz (später dann in der Heilgeiststraße 2) hatte.

In den 30er Jahren wurde unter Federführung der beiden Söhne, Werner und Herbert Thierfeld, der Getreidespeicher in der Langenstraße 54 erworben (aktuell befinden sich in diesem Gebäude Räumlichkeiten des Gartenhaus e. V.). Das Gebäude wurde zu einem größeren Möbelhaus umgebaut, sodass in insgesamt fünf Geschossen Möbel ausgestellt und verkauft werden konnten. Die Ummeldung der Gewerbeberechtigung für die neuen Inhaber Werner und Herbert Thierfeld erfolgte ab dem 1. Januar 1937. Nebenbei noch bemerkt, der Möbelhändler Alfons Thierfeld und die Tischlerei Herrmann & Co. aus Stralsund gründeten 1950 gemeinsam die Stralsunder Möbeltischlerei, die ihre Fortsetzung in der „Stralsunder Möbelwerke GmbH“ fand.

Nun dürfen wir gespannt auf eine baldige Fertigstellung und ein weiteres saniertes Gebäude in unserer Altstadt sein.

Kati Rehberg
aus G&T #93

Giebel & Traufen #93 Dezember 2025

Über die historische Entwicklung des Areals auf dem Dähnholm berichtet Dr. Muschter vom Förderverein Marinemuseum. Eine Nachlese der alljährlichen Diskussionsveranstaltung mit dem Leiter des Amtes für Planung und Bau der Hansestadt Stralsund steuert Heiko Werner bei. Ein paar Jahrhunderte zurück reicht der Blick auf St. Peter und Paul, deren genaue Lage noch immer Rätsel aufwirft. Mit der Langenstraße 29 wird ein aktuelles Bauprojekt näher beleuchtet. Zur Novellierung des Denkmalschutzgesetzes MV informiert MdL Beatrix Hegenkötter und die Weihnachtswünsche kommen wie in jedem Jahr vom Vorsitzenden.